Vorgestern, am 10. Oktober hatte ich noch allerlei Anmeldungskram bei Tata und bei der Ausländerbehörde zu tun, gestern, am 11. Oktober dann, war ich in einer anderen Tata-Zentrale (es gibt 5 verschiedene im großraum Mumbai), um dort den Leiter eines Projekts zu treffen, in dem ich möglichweise mitarbeiten soll. Nach einem Interview über meine Fertigkeiten und Erfahrungen, sagte mir der Projektleiter, dass er mich innerhalb der nächsten zwei Tage darüber informieren werde, ob ich mit von der Partie bin. Für mich bedeutete das: solange er nicht anruft, habe ich keine Termine zu erfüllen, und deshalb bin ich heute ein bisschen Sightseeing gegangen. Und, ach ja, zum besseren Verständnis. Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass mir ursprünglich gesagt würde, ich hätte zwei Wochen Mumbai Eingewöhnungszeit, dann 5 Wochen Training im Süden des Landes und dann würde ich erst einem Projekt zugeteilt. Aber nein, natürlich unterliegen auch solche Ansage natürlichen Schwankungen und so werde ich jetzt sofort einem Projekt zugeteilt und werde dann irgendwann im Verlaufe der ersten zwei Monate für eine Woche zum Training im Süden fahren. Also wurde ich mal wieder überrascht, aber das Leben hier scheint so zu sein wie Forrest Gump es schon sagte: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt. Nur hat er nicht erwähnt, dass nicht alle Pralinen auch schmecken müssen ;D
Meine Sightseeing-Tour heute war dann echt super. Die Zugfahrt kommt mir schon gar nicht mehr aussergewöhnlich vor. Man nehme einfach eine normale deutsche S-Bahn, verschmutze sie, ersetze alle Scheiben durch Gitter, reisse die Türen und die Polster von den Sitzen raus und, voilà, die indische S-Bahn ist komplett. Davon abgesehen aber ist es nicht so heavy. Anfangs hatte ich Angst die Stationen zu verpassen, Leuten, die mich gnadenlos zutexten nicht entfliehen zu können, oder einfach unangenehmen Körpergerüchen ausgesetzt zu sein, aber nichts von alledem. Eigentlich ist es ganz entspannt, ausser man nimmt einen der "schnellen" Züge, was ich dann heute auf dem Rückweg getan habe. Ich stieg am Kopfbahnhof ohne Probleme ein, aber das Aussteigen gestaltete sich als meine erste Crowd-Diving-Erfahrung. Bevor alle Leute ausgestiegen sind, stürmen von draussen schon wieder Massen neuer Leute herein. Man muss also wirklich Schubsen und springen. Um es zu schaffen, springen die ersten noch bei fahrendem Zug ab und die letzten können nur noch hoffen. Ich war hinten und habe mich dann einfach verzweifelt in die Masse geworfen, was niemanden störte und was gut funktionierte. Daraufhin schwor ich mir dennoch, in Zukunft dann doch lieber "langsame" Züge zu nehmen. Dennoch: ich hab's geschafft und mir innerlich auf die Schulter geklopft und gedacht, damit werden ich vor den anderen ausländischen Praktikanten protzen können. Cool!
Aber zurück zum Sightseeing: wenn man echt die typischen Touristenwege durch Süd-Mumbai nimmt, merkt man, was für Reize die Stadt doch hat. Alte britische Kolonialbauten an palmengesäumten breiten Flanierwegen. Ok, mittendrin immer wieder Obdachlose, die halb nackt und verschmutzt auf den Gehweg sitzen und schlafen oder sich kratzen, aber wenn man diese wegdenkt, würde ein normaler Europäer hier doch mit einem guten Gefühl wieder nach hause gehen und sagen: wow, echt schön hier. Sobald man aber wieder in eine Seitenstrasse einbiegt hat man auch wieder den Schmutz und die Armut, die man sonst überall sieht. Dennoch habe ich heute das erste mal meinen Tag wirklich genossen. Ich bin weniger ängstlich und gestresst und ohne feste Termine kann man hier echt auch ganz gut herumflanieren, vorausgesetzt man erträgt die drückende, schwüle Hitze.
Ach ja, cool war die Sache mit dem Armband. Das war nämlich so: am Gate of India, dem Wahrzeichen Mumbais, einem Arc de Triomphe, der aber am Meer steht und als Wahrzeichen für alle angekommenden Schiffe sichtbar sein sollte und auch ist, angekommen, wurde ich sofort von einem guru-like aussehenden Hindi in Beschlag genommen, der mir bunte Stoffstreifen um das Handgelenkt band und mir erklärte, dass diese Glück bringen, weil ja nächste Woche ein Fest zu Ehren Laxmis, der Göttin des Wohlstands, stattfinde. Natürlich wollte er auch ein Spende. Weil er so nett war, ich aber eigentlich gegen Spenden bin, gab ich im weniger noch als eine Spende, sagen wir: ein Futzel Anerkennung in Form von umgerechnet etwa 15 Cent. Das Problem war nun: mit dem Armband war ich scheinbar als blöder Tourist markiert, denn ab diesem Zeitpunkt wurde ich die Verkäufer nicht mehr los, bis ich es irgendwann entnervt abnahm, die Hauptouristenroute verlies und endlich meine Ruhe fand. Es tat mir etwas leid darum, denn irgendwie mochte ich das Band, aber die Ruhe war mir dann doch lieber.
Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass ich spontan von zwei AISEC-Praktikantinnen gefragt wurde, ob ich Lust habe, in einer Woche mit ihnen auf einen 5-Tage-Trip nach Rahjastan im Norden des Landes zu kommen. Leider hatte ich keine Gelegenheit das mit meinem möglichen zukünftigen Projektleiter zu besprechen, aber ich habe mir trotzdem mal die Tickets reserviert und hoffe nun, dass das spontan klappt. Zu dieser Reise erzähl ich dann ein ander mal mehr, nur kurz vielleicht: in Rajahstan liegt eine große Wüste, durch die wir auch eine eintägige Kamelsafari mit Übernachtung im Zelt planen. Könnte spannend werden. Spannend war dann aber auch die Zugreservierung bei der indischen Bahngesellschaft. Auf der Fahrt müssen wir fünf verschiedene Bahnen nehmen und natürlich musste ich für jede einzelne dieser Fahrten mal wieder ein Formular ausfüllen. Die Bürokratie hier ist echt verrückt. Immerhin hat man als Ausländer ein enormes Privileg: jeder Inder darf an einem Schalter immer nur 2 Formulare für folglich 2 Fahrtn abgeben und kann sich für weitere Formulare wieder hinten an der Schlange anstellen. Für Ausländer gibt es eine Extra-Schlange, bei der man gleich einen ganzen Haufen Formulare abgeben kann. Lustig finde ich, dass die Inder sich, was immer wieder deutlich zu Tage tritt, ihres teilweise verrückten Alltags bewusst sind, ihn zugeben und immer wieder liebenswürdig versuchen, die Ausländer da irgendwie rauszuhalten. Im Zug vorhin haben mir auch einige versucht beim Aussteigen zu helfen (letztendlich half es aber nichts und ich musste mir schon selbst helfen, aber die Tipps waren schon nützlich).
Soweit so gut. Jetzt noch ein paar Bilder und dann genug für heute.
Das ist das Air India Building am Nariman Point, dem Times Square von Mumbai, und die Zentrale von Tata hier in Mumbai. Ach ja, und das Ziel eines Bombenanschlages im Jahr 1996, beruhigend eigentlich.

Die Bucht südlich vom Nariman Point. Auch hier haben sich wie überall in alle kleinen freien Lücken Mini-Slums gebildet (die hier aber nicht zu sehen sind).

Das große Taj Mahal Hotel gebaut von J.N. Tata, dem Gründer der Firma bei der ich arbeite. Die Anekdote zu dem Hotel: der wohlhabende Geschäftsmann Tata war zu Besuch un Mumbai und wurde in ein britisches Luxushotel nicht eingelassen, weil er so indisch aussah. Daraufhin schwor er den Briten er werde ein Hotel bauen, das noch prunkvoller als alle anderen sei. Und wie man sieht hielt er sein Versprechen.

Zwischendurch gönnte ich mir in einem kleinen Park eine Pause. Ich kam mir vor wie im Dschungel.

Jetzt kommt die Gate of India, das Wahrzeichen Mumbais.

Gandhi, dem Vater der Nation, wurde natürlich auch ein Denkmal gesetzt.

Einer der zentralen Plätze von Mumbai. Ich liebe die britischen Kolonialbauten.

Mitten in der Stadt liegt ein Park, auf dem Cricket gespielt wird. Im Hintergrund sieht man den Highcourt von Mumbai, das wohl prunkvollste Gerichtsgebäude Indiens. Es soll volle Seriösität ausstrahlen, aber in einem Buch las ich, dass ein paar Steinmetze irgendwie im Inneren einen einäugigen Affen mit einer Wagschale in die Wand gehauen haben. Man kann sich denken, was das heissen soll.

Und zum Abschluss kauften Magda, Gabi und ich noch ein paar Süßigkeiten bei "Gaylord", einer schönen Bäckerei in Downtown-Mumbai. Geil oder? Den Namen Gaylord gibt es wirklich!!!
1 Kommentar:
hallo bruderherz! ich bin entzückt, von dir zu lesen... wir erwartet sind deine anfänglichen erfahrungen etwas aufregender als die meinen es in der fremde waren. und trotzdem wirst du wohl auch mit bunten bändern und todesfahrten à la Indiana Jones sowas wie ein zuhause finden. ich bin gespannt, mehr zu hören. habe übrigens endlich skype installiert, wir können uns also bald mal "verabreden". küsse
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