25 Oktober 2006

Rahjastan!

Rahjastan, das Land der Rahjputen, stolzer Wüstenkrieger, der Nomaden und der Sikhs, ein Land vorwiegend bestehend aus der großen Thar-Wüste und Schauplatz nie enden wollender Kriege zwischen Stämmen indischer und arabischer Stämme, rau und karg, doch voller bunter Farben. Meine 5-tägige Minireise durch dieses Land ist nun vorbei und jeden Tag habe ich Tagebuch geführt, um keine der vielen interessanten Erfahrungen zu verpassen. Hier sind die Abschriften meiner Tagebucheinträge.

20. Oktober 2006 (irgendwo zwischen Ahmedabad und Udaipur, im Zug):

Es ist noch früh am morgen und ich habe gerade meine erste Nacht im Schlafwagen eines indischen Zuges hinter mir. Gestern sind meine beiden Mitreisenden Gabi und Ramona,mit mir um 20:30 Uhr in Mumbai eingestiegen, allerdings in unterschiedliche Abteile, weshalb wir uns erst heute morgen in Ahmedabad, dem Zielort des Zuges, um 5:20 Uhr wiedersahen. Ahmedabad liegt im Bundesstaat Gujarat und jetzt sitz ich im Regionalzug nach Udaipur im Bundesstaat Rahjastan, dem ersten geplanten Stop dieser Tour.



Die Nacht habe ich ganz gut überstanden. Die Schlafabteile sind ok, aber keine wirklichen Abteile, sondern zum Gang hin offen. Da viele Familien mit Kindern unterwegs sind, ist es ziemlich laut. Immerhin hatte ich ein Ticket für einen klimatisierten Waggon und da ich Zugreisen gewhnt bin, konnte ich auch fast 6 Stunden schlafen.Hier im Regionalzug wird es mittlerweile immer voller. Ramona und Gabi haben sich Liegen gekrallt und schlafen während ich zwischen immer mehr Männern eingequetscht werde. Die Platzkarten sind hier scheinbar nichts wert! Was soll's, es sind ja nur 10 Stunden und wenn ich müde werde, habe ich eine natürliche Lehne.



Draussen ist es übrigens schon hell und irgendwie erscheint die Umgegend lieblicher, obwohl sie genauso vermüllt ist wie Mumbai. Irgendwo zwischen den Müllhaufen sitzen Leute und kacken oder Kinder spielen, während daneben Kühe aus verschmutzten Wasserlachen trinken. Vielleicht sind sie heilig, weil sie sowas überleben?



Es ist jetzt ein paar Stunden später und ich muss zugeben, dass ich falsch lag. Der Müll und der Schmutz enden, sobald man sich weiter von einer größeren Stadt entfernt. Dann bekommt man das wirkliche Land zu sehen und das ist sehr, sehr schön: hier herrscht noch die Natur und die Menschen leben in ihr und hier leben scheinbar weitaus weniger Menschen als ich vermutet hatte. Alles wirkt entspannter und glücklicher. Auch das Licht ist hier anders: in Mumbai strahlt die Sonne nie so direkt, vielleicht wegen des Smogs. Die Landschaft ist wirklich eine Offenbarung für mich! Wenn ich das Alles hier sehen, dann frage ich mich, warum so viele Menschen vom Land in die Stadt ziehen, um dann in einem der Slums zu enden. Das Leben auf dem Land mag wenoger Aussichten bieten, aber es ist definitiv schöner, zumindest aus meiner Sicht. In Deutschland hat die Stadt was zu bieten, hier nur mehr Schmutz und Armut.





21. Oktober 2006 (nahe Udaipur, auf dem Weg nach Jodhpur, im Bus):

Vorgestern und gestern mein erstes mal Bahn und jetzt der Bus! Erster Eindruck: komfortabel. Zweiter Eindruck: kratzt ab, wenn's bergauf geht. Aber das holt der Busfahrer wieder raus, wenn es bergab geht, denn dann schrecken in keine noch so tiefen Schlaglöcher, Zeit ist schliesslich kostbar. Mir scheint, die meisten Verletzungen entstehen hier nicht durch Verkehrsunfälle, sondern dadurch, dass sich Passagiere die hinten sitzen, wie ich gerade, den Kopf an der Decke stossen, wenn sie nach einem Schlagloch von der überweichen Federung der Hinterreder Richtung Decke geschleudert werden. Aber irgendwie ist es lustig und immerhin auch schneller als der Regionalzug.

Die Hälfte der Passagiere sind hier Backpacker. Überhaupt: die ganze Stadt Udaipur war ein einziges Tourinest. Ab er zurecht: die Lage am Stausee Lake Pichola ist umwerfend. Mitten im See steht ein Palasr, der zu schwimmen scheint und heute ein Luxushotel ist. James Bond "Octopussy" wurde hier teilweise gedreht und in vielen Hotels der Stadt wird dieser Film abends gezeigt, weil die Einwohner so stolz darauf sind. Malerischer als der nächtliche Anblick, des durch hunderte von kleinen Lichtern erhellten Sees, geht es kaum.



Als wir ankamen, begann es bereits zu dämmern. Am Bahnhof spürte man sofort den Unterschied zu Mumbai: saubere Bahnsteige, weniger Menschen und ein sehr angenehmes, trockenes und warmes Klima. Ich war richtig froh, mich so spontan für diese Reise entschieden zu haben und voller freudiger Hoffnung, auf diesem Weg die wirklichen Reize des Landes erleben zu können.

Die ganze Reise findet übrigens genau zur Zeit des Diwali, einem landesweitem Festival zu Ehren der Göttin Lakshmi, statt. Sowas gibt es in Indien nicht oft, denn die meisten Regionen haben ihre favorisierten Götter und feiern deshalb an verschiedenen Tagen. Lakshmi allerdings ist die Göttin des Reichtums und da sagt natürlich kein Inder Nein. Das muss schon gebührend gefeiert werden und so hat Diwali einen Stellenwert wie bei uns Weihnachten. Die Festlichkeiten erstrecken sich über mehrere Tage (was auch diese Reise ermöglicht hat) und heute Abend ist das Hauptfest mit Feuerwerk und Verzierungen aller Häuser. Dummerweise kriege ich davon höchstens im Bus oder Zug etwas mit. Andererseits: ein paar Böller habe ich gestern schon erleben dürfen und da ich nicht als Tauber zurück nach Berlin kommen will, kann ich auf die Knallerei liebend gerne verzichten. Könnte ich diese Böller mit nach Berlin nehmen, würde ich zu Sylvester alle Hobbysprengmeister zurück ins Mittelalter bomben, aber wohl auch wegen mehrfacher Trommelfellzerstörung angezeigt werden.

Ein andere Punkt, der mit Diwali zu tun hat, ist dass zu dieser Jahreszeit natürlich alle Inder auf dem Weg zu Familienfesten und alle Züge überfüllt sind. Wir hatten entsprechend ein wenig Sorge, ob wir in Udaipur überhaupt eine Unterkunft finden würden. Zu unserem Glück aber war gleich das erste angesteuerte Guest House unheimlich schön direkt am See gelegen mit einem großartigen Blick auf den prunkvoll beleuchtetetn Palast in der Mitte des Sees. Zu dem Zeitpunkt war es dann also schon dunkel und wir zögerten nicht lange und schnappten uns das teuerste und schönste Zimmer, schließlich verbringen wir nur eine Nacht in einer Unterkunft und den Rest im Zug und in der Wüste. Da kann man schon 20 Euro zu dritt für ein tolles Zimmer ausgeben. Genauso viel haben wir uns dann ein fürstliches Abendessen im Fast-Luxushotel nebenan kosten lassen. Also Wow: das war ein Erlebnis! Wirklich fürstlich.



Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig in der Altstadt herum, aber da dort Alles schon gegen 22 Uhr dicht macht und die Strassen immer leerer wurden, verschoben wir weitere Erkundungen auf heute und schliefen uns in einem superbequemen Bett so richtig aus.

Heute morgen frühstückten wir entspannt auf der schönen Seeterasse unseres Guest Houses und überlegten mit unseren 3 verschiedenen Touriguides bewaffnet, welche Orte wir uns in den uns verbleibenden 3 Stunden bis unser Bus fährt, vornehmen sollen. Leider mussten wir also eine Bootsfahrt zum Palast auf dem See und eine Besichtigung des Haremgartens das Maharadjas auslassen. Dafür waren der Palast, der nicht auf dem See, sondern nahe dem Ufer liegt und bestimmt 4 mal so groß ist, und der größte Hindutempel der Stadt, die wir besichtigten, absolut sehenswürdig.



Eigentlich hatten wir nicht genug Zeit in Udaipur, aber ich kann jedem Indienreisenden auch trotz des nur kurzen Besuch nur dringend raten, diesen Ort nicht auszulassen. Und zum Shoppen ist es super in Udaipur, was ich in Begleitung Ramonas und Gabis unter vollständiger Ausschöpfung meiner hohen Geduldsreserven deutlich zu spüren bekam, indem ich in einem Schmuckladen nach dem anderen geschleppt wurde. Jeder Laden war bis an die Zähne mit wirklich geschmackvollen Schmuck- und Kleidungsstücken ausgestattet, dafür muss man sich aber auch auf knochenharte Preisverhandlungen gefasst machen, was ich dann den Damen überließ, da ich zum Glück keinen Bedarf spürte, mich noch weiter auszustatten.



Rahjastan ist übrigens die Heimat der Rahjputen-Dynastie, der zweitaltesten Dynastie der Welt nach den japanischen Samurais, und wie jede langlebige Dynastie zeichneten sich die Rahjputen vor allem durch ihre gefürchteten Krieger aus. Sie hatten eine Reiterarmee, die egal gegen wieviele Gegner aufgrund eines strengen Ehrenkodexs niemals aufgab und wenn die Armee vernichtet war, warfen sich die Frauen der Krieger, so wollte es die Tradition, alle gemeinsam ins Feuer, um ihre Männern ins Jenseits zu begleiten. Das geschah in Rahjastans Geschichte 4 mal und veranlasste die Besatzer jedes mal unvergnügt lieber nicht dort zu siedeln und so überlebten die Rahjputen bis heute.

Die traditionelle Opferung einer Frau für ihren Mann gibt es übrigens heute noch, aber nicht in Form einer Massenverbrennung, sondern nur individuell, wenn man das so sagen kann. Es ist zwar gesetzlich verboten, aber dieser Akt wird in ganz Indien immer noch von so vielen Leuten als besonders ehrenswert angesehen, dass es alle paar Jahre mal hier und da wieder passiert, dass sich eine Frau für ihren verstorbenen Gatten auf den Scheiterhaufen begibt.

Rahjastan ist übrigens auch die Herkunftsregion der Sikhs, jener Inder mit Turban, Dolch und Vollbart, die man oft als die archetypischen vorgestellt bekommt. Und geht man noch weiter in der Geschichte zurück, so sollen angeblich wohl auch die Sinti- und Roma-Völker hierher stammen. Wer weiß, so oder so fällt auf, dass die Menschen hier stärkeren Traditionen verpflichtet sind und als Tourist ist das natürlich (bis auf die Scheiterhaufengeschichte) sehr reizvoll zu sehen.

22. Oktober 2006 (irgendwo am Rand der Thar-Wüste im Schatten eines Busches):

Irgendwo am Horizont kann ich noch die Strommasten erkennen, die neben der Straße entlanglaufen, von der aus wir gekommen sind. Die Gegend ist trocken und erdig karg, doch noch an vielen Stellen von Büschen oder kleinen Bäumen bewachsen. An ein paar Hügeln scheint goldgelber Sand hindurch, der an das erinnert, was man sich wohl als erstes unter "Wüste" vorstellt: endloose Sanddünen ohne eine Spur grün. Aber da wo ich jetzt bin, ist es noch lang nicht so. Obwohl die Tahr-Wüste in manchen Gegenden wohl wirklich so sein soll, werde ich diesen Teil nicht erleben dürfen, denn dazu müssten die Kamelführer in die verbotene Grenzgegend zu Pakistan, die von hier nur 50 Kilometer entfernt ist. Dafür führt uns unser 2-Tage-Tripp wohl heute Abend noch an den einzigen Dünenstreifen in der Umgegend von Jaisalmer, dem Ort, von dem aus wir heute morgen gestartet sind. Ich hoffe sehr, dass ich auf diesem Wege wirklich so etwas wie die Wüste, die ich mir vorstelle, zu sehen bekomme.







Da wo ich jetzt gerade bin, sind außer Ramona, Gabi und mir nur unseren beiden Kamelführer und der "Pepsiman", ein Einwohner aus einem Nachbardorf, der hier gerade irgendwie aus dem Nichts plötzlich auftauchte, um uns Softdrinks anzubieten. Während die drei sich Einheimischen unterhalten und Mittagessen für uns kochen, sitze ich hier friedlich im Schatten und nutze die Gelegenheit, mal wieder ein paar Zeilen zu schreiben. Übrigens putzen die Leute hier ihr Geschirr mit Wüstensand ab, was uns anfangs etwas irritierte, aber scheinbar erstaunlich gut funktioniert. Ich bin übrigens in einem weißen, traditionell-indischem Gewand gekleidet und trage einen weißen Turban. Sieht schon ganz cool aus, habe ich mir nämlich selbst gekauft.

Unsere Busfahrt gestern verlief ganz gut trotz eines geplatzten Reifens und einer Stunde Verspätung im Zielort Jodhpur, von wo aus wir den Nachtzug nach Jaisalmer nahmen. An einem der kleinen Stopps in einem Dorf mit ebenso vielen animalischen Einwohnern wie menschlichen erdreistete sich eine Kuh die Blumen-Festtags-Beschmückung des Busses abzufuttern, während der Busfahrer sich gerade einen Chai-Tee, das absolute Nationalgetränk Nummer Eins, besorgte. Auf meiner Erleichterungsausflug ins Gebüsch leif ziemlich entspannt eine Wildschweinmutter mit ihren Frischlingen an mir vorbei, die Menschen scheinbar gewohnt war, und mich natürlich erschreckte, aber sonst weiter nichts tat. Unterwegs blockierten ein paar Affen die Straße. Eine Busfahrt die ist lustig, eine Busfahrt die ist schön!





In Jodhpur abends angekommen war böllertechnisch die Hölle los und wir nutzten unsere 3-Stunden-Pause bis zum Zug und verkrochen uns in einer Art indischem McDonalds mit angeblich indischem Fastfood. Das Essen war zwar typisch indisch, aber wir wurden sehr schnell bedient und als wir fertig waren auch sehr schnell wieder herauskomplimentiert, aber was eher an Fastfood beziehungsweise Fast-Foodherstellung erinnerte war die lustige Tatsache, dass ich in meinem Essen eine Tackerklemme fand, die ich zum Glück nicht runterschluckte. Irgendwie freute ich mich und dachte mir: Coole Geschichte. In den USA hätte ich mir schnell eine kleine Wunde in die Lippe gestochen und dann eine Million Dollar Schmerzensgeld verlangt. Anstattdessen gab es eine Ersatzportion, die dann auch Tackerklemmenfrei war und super schmeckte.

Nach dem Essen ging es ab zum Bahnhof, der eher einem Massenschlafsaal glich, weil der halbe Boden mit schlafenden Obdachlosen bedeckt war. So viele Menschen ohne Heim habe ich noch nie auf einem Fleck gesehen. Das bedrückte mich schon ein wenig, aber hier kratzt es niemanden.

Die Nachtfahrt war diesmal etwas unangenehmer, weil auf dem nächtlichen Weg durch die steppenartige Landschaft feiner gelber Sand zu den Fenstern hereinwehte, der alle Insassen mit einer Panade bedeckte, und mir auch das erste mal in diesem Land kalt wurde, weil das Kontinentalklima den Menschen hier auch mal ganz schön kühle Nächte bereiten kann.

In Jaisalmer, einem alten Wüstenfort der Rahjputen, das ziemlich abgeschnitten von allen anderen indischen Städten nahe der pakistanischen Grenze liegt, kamen wir um 5 Uhr heute morgen an und wurden erstmal von mindestens 10 angeblichen Helfern belästigt, die uns alle zu ihren verschiedenen Hotels bringen wollten. Während wir versuchten, erstmal in unseren Reiseführern empfehlenswerte Anbieter von Kamel-Safaris auszumachen, nervten uns diese Leute mit ihrer dreisten Ignoranz, indem sie auf die Bitte, uns in Ruhe zulassen, genau 10 Sekunden eingingen, um dann wieder auf uns einzureden. Selbst als Ramona sie anschrie, reagierten sie wieder genauso. Tja, das muss man halt aushalten. Immerhin braucht man sich keine Sorgen machen, dass man wegen ungehaltener Unfreundlichkeit eine Auseinandersetzung fürchten muss.







Schließlich stellte sich heraus, dass einer der netten Menschen um uns herum angeblich für einen der empfohlenen Reiseanbieter arbeitete und so liessen wir uns von diesem zum Office desselben fahren, das allerdings so früh morgens noch geschlossen war. Netter Trick, denn eigentlich wollte er uns nur zeigen, dass der Laden zu war und wir deswegen bei ihm einen Ausflug buchen sollten. Da wir glücklicherweise deutlich und nach mehrfachen Rückbestätigungen durch typisch indisches missverständliches Kopfnicken vereinbart hatten, dass wir ihm für die Fahrt 10 Rupie geben würden, ließ er uns dann ohne großen Aufstand wieder gehen, als wir ihm deutlich machen, dass uns seine Hilfsbereitschaft nun reiche.

Und so sah die Wüste dann tatsächlich aus:




24. Oktober 2006 (nachmittags im Zug zurück nach Mumbai):

Yeehah! Die letzte Hürde ist geschafft. Nach einer kurzen, aber tollen Reise sitze ich nun wieder im Zug zurück nach Mumbai. Die letzte Hürde, von der ich sprach, war es, Plätze in diesem Zug zu bekommen, denn die indische Eisenbahngesellschaft hat ein unergründlich-ausgeklügeltes System der Platzreservierung, welches alle landestypischen Eigenschaften in sich vereint: 1. Es ist nirgendwo dokumentiert, aber jeder Inder kennt es (dafür natürlich kein Tourist). 2. Es ist bürokratisch. 3. Es ist flexibel was Schmiergelder betrifft. 4. In den Regionalzügen wird es von Allen ignoriert. 5. Man kann sich nicht darauf verlassen, aber irgendwie klappt es dann doch. Und das Ganze funktioniert dann so: neben 6 verschiedenen Buchungsklassen, gibt es noch etwa 6-8 Ticketpools, denen jeweils eine bestimmte Anzahl von Plätzen in den Zügen zugeordnet sind. Bisher habe ich ausserdem noch Folgendes verstanden: die unteren 3 Klassen sollte ein Tourist nicht buchen, denn die drittbeste ist schon hart an der Grenze (und für alle anderen braucht man sowieso keine Reservierung, weil sie niemanden interessiert), einige der Ticketpools sind scheinbar für die Vergabe gegen Schmiergeld oder für Bekannte gedacht und zuguterletzt gibt es noch Tickets mit Wartenummern. Eine Wartenummer besagt so viel wie: derzeit hat schon jemand anderes Deinen Zug, aber wenn er abspringt kriegst Du ihn. Und weil dieses System so ist wie es ist, buchen alle Inder ihre Tickets auch wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie sie später auch wirklich brauchen, und etwa ein Drittel der Tickets wird scheinbar wieder gecancelled. Letzteres Glück hatten wir, denn sonst hätten wir einen Bus oder den Schmiergeldweg gehen müssen. Also: danke, lieber Gott! Es hat geklappt.

Die letzte Nacht habe ich im Zug von Jaisalmer nach Jodhpur und den heutigen Vormittag und Mittag dann in Jodhpur verbracht. Jodhpur ist für zwei Dinge bekannt: sein beeindruckendes Fort auf einem riesigen Sandsteinfelsen und die blaugetünchten Häuser der Altstadt, die das Fort umgeben. Genau diese Orte haben wir uns dann angeschaut und genossen. Nur am Ende wurde es etwas stressig, als wir noch 15 Minuten vor Abfahrt unseres Zuges immer noch im Restaurant saßen, weil das Essen so lange brauchte und die Bedienung auf den Hinweis, dass wir uns beeilen müssen, entgegnete, dass der Zug sowieso zu spät komme und wir uns beruhigen könnten. Nachdem wir richtig Druck gemacht hatten, schafften wir es mit 10 Minuten Verspätung (inklusivem dem üblichen Mit-Rikscha-Im-Stau-Steckenbleiben) am Bahnhof anzukommen, um gerade noch den Zug zu bekommen.



Das Wüstenfort übrigens war beeindruckend riesig und mächtig. Auch diese Festung gehörte den Rahjputen und konnte niemals in ihrer Geschichte von Angreifern eingenommen werden, was bei ihrem Anblick nicht verwundert. Toll! Der letzte Radja von Jodhpur hat sich am Rand der Stadt in den 40ern einen neuen prächtigen Palast bauen lassen und die Festung in eine Touriattraktion umfunktionieren lassen. Sein Sohn, der heutige Radja Jodhpurs, hat zwar heute politisch nichts mehr zu sagen, aber immer noch genug Kohle und leitet vor allem Stiftungen für die Erhaltung des rahjputischen Kulturerbes. Kein schlechter Job und sein Schloß mal eben so aus wie der Taj Mahal. So lässt es sich leben, sag ich Euch!



Wie dem auch sei, wenn mein Zug keinen Unfall baut oder liegen bleibt, wird meine Reise hier ein glückliches Ende nehmen. Was für ein Glück, dass ich das erleben durfte. Nicht mal eine Woche vor Beginn der Reise erfuhr ich erst, dass sie stattfinden würde und in diesem Fall hat sich die Tatsache, dass ich bisher keine Arbeit zugewiesen bekommen habe, mal so richtig gelohnt. Natürlich bin ich auch hier um zu reisen, aber dass ich so schnell die Gelegenheit haben würde, hatte ich nicht erwartet, und nach diesen schönen Erlebnissen habe ich Blut geleckt und eine Riesenlust noch andere Regionen dieses übergroßen Landes zu erkunden. Ohne Frage: in Indien braucht man Nerven und ich bin mir relativ sicher, dass bestimmt die Hälfte aller Berliner, die ich kenne, hier keine große Freude hätte wegen all des Schmutzes, des geordneten Chaos, des fehlenden Komforts und der Menschen, die einen schon mal zur Verzweiflung bringen können, aber wenn man sich damit arrangieren kann, ist dieses Land so unglaublich eigenartig anders und überraschend, dass sich eine Reise hierhin wirklich lohnt. Ich kann zwar noch lange nicht von mir behaupten, dass ich mir vorstellen könnte hier für mehr als die Zeit meines Praktikums zu leben, aber hierher zu kommen, hat sich irgendwie jetzt schon gelohnt.

Jetzt hoffe ich nur noch, dass ich bald wieder die Gelegenheit haben werde, auf eine Reise zu gehen und meine Wunschliste der Zielorte habe ich auch schon: Goa und seine Strände und Riesengarnelen, Sikkim, mitten im Himalaya eingeklemmt zwischen Nepal und Bhutan und Heimat des drittgrößten Berges der Welt, Kerala ganz im Süden mit seinem Dschungel, Delhi und den Taj Mahal und schliesslich liebend gerne noch die Andamanen, eine zu Indien gehörige Inselgruppe vor südlich von Burma, die vom Tsunami vor ein paar Jahren übel getroffen wurde, aber eine Unzahl einzigartiger Tier- und Pflanzenarten und unberührte Strände beherbergt. Hier gibt es also so einiges und obschon ich weiß, dass ich meine Erwartungen hoch gesteckt sind, kann ich es ja immerhin mal versuchen und das werde ich auch ;D

3 Kommentare:

Robert hat gesagt…

Ey Cabron,

mach Dir mal keine Sorge, dass ich hier vom Fleisch falle. Alle die ich hier kenne, haben in Indien eher zugenommen, dank des vielen Öls in den Speisen. Also versuche ich gerade meine Ernährung irgendwie etwas gesünder zu gestalten, was sich aufgrund derzeitigen Trainingsmangels dann halt in 3 Kilo Verlust auswirkt, aber die hab ich bald wieder drauf. Vertrau mir ;D

Übrigens: haste die ekligen Flecken an der Wand in der Bahn gesehen? Geil oder? Indische Männer haben die Gewohnheit immer überall hinzuspucken und wenn sie gerade Bethelnuss gefuttert haben, sieht es so aus als ob jemand sein Blut oder seine Fäkalien irgendwo hingespritzt hätte, dabei ist es nur die natürlich rot-braune Farbe der Nuss. Lol.

rw hat gesagt…

Wunderbarer Reisebericht. Ich hoffe, alles ist paletti?

Ralf

Québeclara hat gesagt…

Robert, mir verschlägt's die Sprache. Ich komme mir so'n bisschen "blamage" vor, besonders wenn ich an so 'ne alberne Übung für den Gebrauch von Possessivpronomen denke, die ich letzte Woche mit meinen Studis gemacht habe: "Mein Bruder heißt Robert. Er ist gerade in Indien. Er ist Informatiker etc." Daraus wurde dann ein Spiel und später eine Diskussion, in der ich mir so richtig multi-kulti vorkam... bloody pathetic! Ich denke voll viel an dich und kann's kaum erwarten, dich mal zu hören. Hab' jetzt auch wieder mehr Zeit! Nin