07 April 2007

Friends and Festivals

Mit dem Alltag kommt die berüchtigte Schreibehemmung. Was soll ich noch erzählen, wenn so Vieles hier mittlerweile schon ganz normal für mich ist. Mein neuer Mitbewohner David aus Wales hat mich vor ein paar Tagen gefragt, ob ich den Eindruck habe, hier einen Teil meines Mitgefühls verloren zu haben, nicht weil ich ihm so herzlos erschien, sondern weil es ihm in den ersten Tagen doch schon zu schaffen machte die bettelnden Kinder und Krüppel und diese extreme Klassengesellschaft zu erleben. Und ja, die Frage war berechtigt, denn all das geht mir mittlerweile weniger ans Herz wie noch zu Beginn. Ich glaube einer der Hauptgründe dafür, warum ich manchmal weniger Mitleid verspüre, ist, dass hier leider viele Menschen nur so tun, als ob sie kurz vorm Verhungern wären und einfach weil es funktioniert ständig die Mitleidskarte spielen. Als Tourist wird einem die Misere manchmal so schamlos vorgespielt, dass es schon eklig ist. Mitleid ist etwas Gutes, was wir Menschen empfinden, damit wir uns gegenseitig helfen, aber Mitleid geradezu erzwingen zu wollen nur um selbst davon zu profitieren ist für mich sehr, sehr unmoralisch und ich war schwer enttäuscht als mir diese allgegenwärtige Praxis so deutlich wurde.

Das heisst aber noch nicht, dass mir das Alles egal ist und ich ein Herz aus Eis bekommen habe. Nein. Ich habe mich nur entschieden, kein Geld zu verschenken, sondern ab und zu, wenn die Situation es erlaubt, Essen oder Getränke zu verschenken, meistens an kleine Kinder. Das Beste, was man hier sonst noch machen kann, ist sich in sozialen Projekten einzubringen, die es hier zuhauf gibt: Englischunterricht für Slumkinder oder Exkursionen mit Blinden. Einige der anderen Praktikanten sind durch ihre Praktika direkt in solche Projekte involviert und das finde ich bewundernswert.

Bei mir hat sich in den letzten Wochen nicht viel Großes getan und mir geht's gut, auch wenn ich bei der Arbeit oft unmotiviert und lustlos bin, weil dort so einiges nur sehr schleppend voran geht (mehr Details sollte ich hier der Verschwiegenheit halber nicht erwähnen). Ich will hier gar nicht mehr viel schreiben, sondern nur mal wieder ein paar mehr Fotos für Euch reinstellen und sagen: I'm fine. I miss you all. Und: wir hatten hier vor zwei Wochen 41 Grad Celsius im Schatten auf dem Thermometer (bei 70-90% Luftfeuchtigkeit)! Ich wollte nur mal protzen, was für ein Extremstklima ich mittlerweile zu ertragen gewohnt bin ;D

Hier also ein paar Fotos:


Auf dem untersten Bild sieht man neben mir unten rechts Andres aus Spanien, den wir liebevoll "Macho" nennen, was er auch ist. Über Andres steht leicht gebückt Ka aus Südkoreo, die jetzt aber in unsere Nachbarwohnung umgezogen ist, weil ihr in unserer Wohnung abends zu lange noch was los war. Oben rechts ist Marcus aus den USA zu sehen, der uns in einer Woche leider verlassen wird, und neben ihm David aus Wales, der sein Bett einnehmen wird und das eigentlich auch schon getan hat, weil Marcus seine letzten Wochen noch herumreisend auskostet. Oben links, das sind Vinicius aus Brasilien (mein Zimmerkumpane) und Keiko aus Japan. Übrigens haben wir hier ständige Mitbewohnerfluktuation und in drei Monaten habe ich bestimmt schon wieder ganz andere Mitbewohner. Es ist hier ein ständiges Kommen und Gehen, was einerseits traurig ist, immer dann, wenn coole Leute heimkehren, andererseits aber auch immer schön ist, weil man neue nette Leute kennenlernt. So hält es sich die Waage.
Das hier sind Bilder von unserem TCS Global Village. Global Village ist eine AIESEC Tradition, eine Veranstaltung, bei der alle Ausländer einen Stand haben, an dem sie über ihr Heimatland informieren, Mitbringsel präsentieren und typisches Essen und Getränke anbieten. Um das Praktikantenprogramm bei TCS bekannter zu machen, haben wir ein solches Global Village veranstaltet, allerdings im ganz grossen Rahmen, mit 1100 Besuchern und haben dazu noch eine Bollywood-Tanzperformance hingelegt, die ich übrigens den meisten beigebracht habe (die wir aber von einem Tanzlehrer erstmals vorgestellt bekommen haben), und natürlich gab es auch coole Musik aus aller Welt und wer war wohl der DJ? Na ja, Ihr wisst schon. Ausserdem hatte ich noch die Ehre ein Deutschlandpräsentation vor den 1100 Leuten zu halten, was sich schon irgendwie gewichtig abgefühlt hat. Ein Glück habe ich genug Erfahrung um vor Lampenfieber nicht mehr rumzustottern und natürlich habe ich dem Publikum den Kauf deutscher Autos nahegelegt ;D
Und zum Abschluss noch ein Foto von dem Wohnkomplex in dem ich hause. Bisher habe ich ja nur Bilder von den umgebenden Slums veröffentlicht. Wenn man dann plötzlich auf dem Innenhof vor dem Springbrunnen steht und dann in die Eingangshalle des Hauses mit Marmor-Imititat-Boden reinspaziert und die verspiegelten Fahrstühle sieht, kommt man sich wie im falschen Film vor. Unser Haus ist eigentlich wirklich cool, nur ist unsere Einrichtung halt karg und die Wohnung überbelegt. Was soll's. Vorm Eingang zum Wohnkomplex prangert ein Banner über der Strasse mit der Aufschrift "Sagar City. Your proud home" und so ist es irgendwie auch. Wenn mich jemand fragt wo ich wohne, sage ich stolz "In Andheri West in Sagar City". Also kommt mich besuchen...

Cheerio!

2 Kommentare:

Jónas hat gesagt…

Hmm... I don't have the energy to try to read your german.
Your pictures made me smile and realize that I miss sagar city. You all look like you were having so much fun. Especially in the elevator picture. I have one question though, were was the elevator boy? Was he the one who took the picture?

Greetings to all from Copenhagen

Unknown hat gesagt…

Hm mich würds ja schon interessieren was du den 1100 Leuten so von Deutschland erzählt hast :)