27 Mai 2007

Welcome to Paradise

Natürlich ist das Flugzeug aus Kalkutta verspätet und Nina und ich kommen erst um 21 Uhr in Mumbai an. Der Rückweg aus Sikkim bestand wieder aus zwei Flügen: Bagdogra nach Kalkutta und dann Kalkutta nach Mumbai und wie alle Inlandsflüge während unseres Urlaubs waren diese auch wieder unpünktlich. Zum Glück aber hat dies scheinbar so viel Routine, dass man sich darauf verlassen kann, dass auch der Anschlussflug spät ist, man ihn also nicht verpassen wird. Und immerhin: es scheint sich um programmatisch etwa 40-60 Minuten, nicht mehr und nicht weniger, Verspätung zu handeln. Also was soll's.

Na ja, leider führte die späte Ankunft dazu, dass wir keine Zeit mehr hatten nach Downtown zu fahren und die paar interessanten Gebäude dort anzuschauen, aber zum Glück verpasst man damit nicht allzu viel. Downtown ist sowieso nicht das wahre Mumbai und so entschlossen wir uns nicht so weit weg zu und nach Juhu zu fahren, um dort lecker dinieren zu gehen. In Mumbai kann man sich manchmal Dinge leisten, die zuhause in Deutschland nicht möglich sind, und so spazierten wir wenige Minuten später durch die Palast-ähnliche Eingangshalle des JW Marriot Hotels und in eines seiner Spitzenrestaurants, wo wir in stylischster Umgebung ein wunderbares Teppan Yaki Menü genossen. Irgendwie realisierten wir nicht, welche Konsequenzen auf uns zukämen als wir die Frage des Koches, ob wir gerne Knoblauch am Essen hätten, freudig bejahten und so endeten wir am Ende glücklich betrunken, delikat vollgestopft und jeder von uns mit mindestens einer ganzen Knolle Knoblauch im Bauch.

Danach hatten wir ganze zwei Stunden Schlaf um uns mitten in der Nacht zum Flughafen zu bewegen, wo wir dann plötzlich bemerkten, was es wirklich heisst, nach Knoblauch zu riechen. Ich werde das jetzt nicht noch weiter detaillieren, auf jeden Fall war das Essen super und wir am Flughafen dermassen müde, dass uns unsere Fahnen auch nicht weiter störten.

Ich hatte Nina übrigens bis zu diesem Abend in Mumbai nie erzählt, wo die Weiterreise hingehen würde, nur dass es sich um kleine Inseln und tolle Strände handeln würde. Auf der Reise in Sikkim berichteten uns viele Leute begeistert von den Andamanen und so vermutete Nina schon genau das, aber obwohl ich anfangs wirklich genau das geplant hatte, war es anders gekommen. Ich dachte damals, wenn man schon auf einem Archipel vieler, kleiner Atolls ist, dann will man ja auch etwas mehr als nur eine winzige Insel sehen und folglich sei es das Beste auf einem Boot die Inseln abzuklappern. Da nun aber in Indien die Tourismusbranche erstaunlicherweise noch in den Kinderschuhen steckt und solche Inselkreuzfahrten nicht angeboten werden, suchte ich nach einer Alternativlösung in der Nähe Indiens und fand sie schliesslich: etwas teurer, dafür aber mit einem weltweit bekannten Ruf traumhafter Inseln: die Malediven.

Wir standen da also total übermüdet mitten in der Nacht am blöden Flughafen, natürlich deutsch-pünktlich 2 Stunden vor Abflug, wie von den Fluglinien gefordert, und doch als die ersten. Also hielt ich Wache aufs Gepäck, während Nina an meiner Schulter schlummerte und ich aufs Boarding wartete (das natürlich auch wieder verspätet war, Überraschung, Überraschung!). Und schliesslich flogen wir dann nach Bangalore, stiegen dort um und flogen dann nach Male auf den Malediven, wo wir um etwa 13 Uhr (eine Stunde verspätet ankamen).

Schon der Anflug war spektakulär: die Sicht aufs Archipel mit den vielen kleinen Atollen, die von oben ein wenig wie Spiegeleier aussehen, war wunderschön. Die meisten Atolle liegen knapp 3-8 Meter unter der Wasseroeberfläche und so sieht man von oben die türkisblauen Kreise unter Wasser. Ich wusste, dass mich so etwas erwarten würde, aber als ich es dann wirklich sah, war ich so aufgeregt und glücklich wie ein kleines Kind, das sein Geschenk in die Hand gedrückt bekommt. Und schliesslich die Landung auf der einen langgezogenen Insel Hulule, die genau neben Male liegt: für mehr als eine Landebahn ist dort kein Platz und beim Anflug auf die Landebahn gleitet man erstmal mehrere hundert Meter auf zehn Meter Höhe über dem Atoll entlang. Ich dachte mir nicht: "Oje, gleich landen wir im Wasser!", sondern "Geil, jetzt das Fenster auf und reinspringen. Ich will in dieses Wasser!".

Als wir aus dem Flugzeug stiegen, empfing uns eine warme, feuchte Luft wie in Mumbai, aber frisch nach sauberem Meer riechend und ohne die befremdlichen Gerüche, die einem in Mumbai manchmal in die Nase steigen. Alles war sauberer und modern und in diesem Moment dachte ich mir schon "Hier bin ich richtig". Schliesslich wurden wir von einem Vertreter des Reisebüros, über das ich die Reise gebucht hatte, abgeholt und an unseren Bootsmanager übergeben, der auch kurz danach zur Stelle war. Da Nina ihre Sonnenbrille in Sikkim verloren hatte, machten wir noch einen kleinen Ausflug nach Male (der Flughafen liegt wie bereits erwähnt auf der Nachbarinsel Hulule und von Nachbarinsel zu Nachbarinsel reist man mit der Fähre). Auf dem Weg sahen wir allerlei Fische unter Wasser und im Hafenbecken war das Wasser schon wieder von der gleichen türkisblauen, einladenden Farbe, die wir schon aus dem Flugzeug gesehen hatten.

Male selbst ist nicht besonders sehenswürdig. Die Kulisse der Stadt fand ich jedoch beeindruckend: diese eine kleine Insel scheint bis zum Rand mit Häusern zugebaut zu sein und angeblich gibt es hier die höchste Bevölkerungsdichte der ganzen Welt: 80.000 Einwohner auf ein paar wenigen Quadratkilometern. Allerdings vermute ich, dass damit "die Stadt mit der höchsten Einwohnerdichte" gemeint ist, denn wenn man hier in Mumbai das gröchste Slum der Welt mit über einer Million Einwohner mal von aussen gesehen hat, kann man sich kaum vorstellen, dass es noch dichter geht und dichter sah Male auch nicht aus, zum Glück für dessen Einwohner. Auf jeden Fall ist Male nicht sehr spektakulär, obschon es natürlich einfach mal interessant ist zu sehen, wie eine Stadt auf den Malediven aussieht, denn es ist die einzige wirkliche Stadt auf den Malediven. In 40 Minuten zu Fuss hat man alles Erwähnenswerte gesehen und das war's dann. Es ist sauberer und moderner als Indien und das einzig wirklich Interessante war die Tatsache, dass man das Gefühl hatte, in dieser Stadt gäbe es keine Frauen. Die waren wohl alle zuhause. Ach ja, interessant fanden wir auch, dass es dort staatlich angeordnet nur Halbtagsarbeit gibt und nach 14 Uhr alle größeren Geschäfte und Behörden zu machen. Ein Land in dem es nur Halbtagsarbeit gibt! Fast unglaublich, oder? Grausam für die Kunden, aber toll für die Angestellten.

Nach unserem kleinen Ausflug ging es dann mit dem Dhoni, dem Begleitboot des Schiffes auf dem wir die nächste Woche verbringen würden, los zum Schiff, der Baani Explorer, die ich bisher nur auf Bildern im Internet gesehen hatte, und natürlich war ich tierisch gespannt, wie sie in Wirklichkeit aussehen würde. Der erste Eindruck war dann auch gleich gut. Eine schnittige, aber nicht protzige Yacht erwartete uns dort und passenderweise auch schon gleich ein Mittagessen im gemütlichen Wohnzimmer, was uns gut passte, da wir schon recht hungrig waren.

Nina und ich waren als letzte an diesem Tag am Flughafen angekommen und alle anderen Gäste waren während unserer Ankunft auf dem Boot bereits draussen zum ersten Tauchgang unterwegs, um alle gemeinsam herauszufinden, wie viel Erfahrung jeder einzelne mit sich bringt. Das wird dann Checkdive genannt. Da wir ja noch nie getaucht waren, hat man nicht auf uns gewartet und so waren wir mit der Crew erstmal noch für eine halbe Stunde alleine auf Bord.

Der erste Eindruck von der Crew war etwas anders als erwartet. Es waren nur Männer, alle recht jung und sehr lässig. Der erste Eindruck also: maledivische Beach Boys. Die Jungs wirkten so cool, dass ich mich schon fragte, ob sie die richtigen für ein schwimmendes Hotel sind, aber jegliche Bedenken lösten sich schnell auf, denn der Service war echt super und alle waren richtig nett und lustig.

Jetzt waren wir gespannt, wie es um unsere Mitreisenden stünde. Erster Eindruck: alle nett, nur waren wir eindeutig die Nesthäkchen in der Guppe. Eigentlich nicht überraschend, denn es war ja auch eine Tauchsafari und Tauchen ist ein teures Hobby, was sich eigentlich nur Berufstätige leisten können. Der Altersunterschied war aber gar kein Problem und insgesamt war die gesamte Gruppe ein echt netter Haufen ohne Miesepeter oder Schnösel. Übrigens waren wir zwei Drittel Deutsche, was dazu führte, dass wir fast die ganze Zeit Deutsch sprachen.

Das Schiff und zwei weitere werden von Gundi, einer Österreicherin, gemanagt und die war lustigerweise auch genau in dieser Woche mit auf dem Boot, beruflich zwar, aber offensichtlich auch recht entspannt und halb Urlaub geniessend. Durch Gundi kommen natürlich jede Menge deutschsprachige Leute auf das Boot und durch Mundpropaganda verfestigt sich so eine Art Stammkundschaft, die bestimmt ständig wächst. Kein Wunder, denn die ganze Reise auf dem Boot war einfach fabelhaft und unbedingt weiter zu empfehlen.

Neben Gundi wird jedes einzelne Schiff noch mal von einem ständig anwesenden Bootsmanager geleitet und der war auch unser Tauchlehrer: Hussen, ein echt netter und cooler Typ, mit dem wir eine Menge Spass hatten. Ach ja, Hussen klingt arabisch, oder? Genau. Das liegt daran, dass die Malediven eine islamische Republik sind und eigentlich 100% Moslems beherbergen. Etwas schade ist, dass die Regierung eine recht strikte Trennung zwischen Einheimischen und Touris durchgesetzt hat, die dazu führt, dass es praktisch zwei getrennte Welten dort gibt: die rein ausländischen Touristenresorts und die Einheimischeninseln. Alkohol ist eigentlich illegal, aber für die Touris verfügbar. Auf den Resorts können Frauen im Bikini rumlaufen, auf den Einheimischeninseln würde das leicht als Affront aufgefasst. Schon verrückt.

Jetzt aber zurück zum Boot: unsere Kabine war eine der beiden Suiten, auf dem Oberdeck gelegen, geräumiger als die Kabinen im Unterdeck, in urigem Holz und Bambus gehalten und sehr gemütlich und schön, mit einer Fensterfront aufs Meer hinaus. Schon toll! Sogar mit eigenem Badezimmer, sauber und mit Warmwasser. So kann man hausen, sag ich Euch. Die Kabine wurde zweimal am Tag gemacht und es gab regelmässig frische Handtücher. Unser Bettlaken wurde jedes mal in einer neuen, niedlichen Form aufs Bett gefaltet, mal als Fisch, Stern oder Halbsonne. Kreativ. Ausserdem: zwei Meter aus der Tür heraus erwarten einen die Sonnenliegen, auf denen wir nachmittags auch gerne rumgelümmelt und gelesen haben.

Am nächsten Tag ging es dann mit unserem Tauchkurs los. Nur Hussen, Nina und ich. Exklusiv. Sehr cool. Also ging es los zu einer kleinen einsamen Lagune, in der wir ins hüfthohe, glasklare Wasser sprangen und erstmal die Gerätschaften ausprobieren konnten, um dann an der Lagunenkante auf drei Meter Tiefe schon die ersten Fischschwärme zu bewundern. Ein komisches Gefühl unter Wasser einfach so atmen zu können. Faszinierend! Gleichzeitig ist es aber anfangs auch gewöhnungsbedürftig, wenn man das Salzwasser in Nase oder Augen bekommt, was die ersten male noch brennt und irritiert. Das lässt aber schnell nach und auch das Atmen geht ganz natürlich. Meine grösste Sorge, der Druck auf den Ohren beim Tauchen in die Tiefe, stellte sich auch schnell als unberechtigt heraus, denn wenn man regelmässig die Luft aus der Nase und den Lungen in die Ohren drückt, kann man eigentlich so tief wie man will tauchen, ohne Schmerzen zu bekommen.

Voller Vorfreude auf den nächsten Tauchgang kamen wir dann wieder aus Boot zurück und konnten es kaum erwarten, so bald wie möglich weiter zu machen. Allerdings haben wir auch die ersten 4 Tage recht viele Stunden damit verbracht theoretische Lehrmaterialien zum Tauchkurs durchzulesen. Natürlich hätten wir lieber was anderes gemacht, aber die Theorie war leicht und so war es nicht allzu lästig. Tauchen erfordert nicht viel Können, sondern vor allem Wissen und Erfahrung. Ohne das Wissen kann man sich leicht in gefährliche Situationen bringen und ohne die Erfahrung kann man in ungewohnten Situationen leichter panisch werden, was eigentlich das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Tauchen ist nicht sehr sportlich, sondern eher gemütlich und meditativ. Anstatt viel rumzuschwimmen, schwebt man meistens eher im Wasser und beobachtet die Unterwasserwelt. Es geht nicht um Leistung, sondern das Erleben der Welt da unten und die ist einfach wunderbar.

Nach drei anfänglichen Tauchgängen ohne die Gruppe, konnten wir beim vierten mal dann endlich mit an ein Riff, an dem es mehr zu sehen gab und siehe da: sofort durften wir unseren ersten, doch recht fetten Grauhai bewundern, der vor uns seine Runden zog. Sah aus wie 2 Meter, aber Unterwasser sieht alles größer aus, als war er vermutlich nur so 1,60 Meter gross. Trotzdem cool. Keineswegs angsteinflössend, sondern beeindruckend. Bei einer Runde ums Miniriffchen begegneten wir noch einem Schwarm Jungbarracudas, einem Opa-Barracuda und einer irren Vielfalt bunter Fische, wie z.B. dem Clownfisch (=Nemo), der übrigens wirklich in den Seeanemonen immer vorwärts raus und rückwärts wieder reinschwimmt (wie in Nemo eben). Lustig sind auch die Doktorfische, die aus irgendeinem Grund riesiges Interesse an Luftblasen haben und gerne in Schwärmen über unseren Köpfen schwammen und sich die Bäucher von den Blasen kraulen liessen.

Die nächsten Tauchgänge bescherten uns Muränen, Rochen, Schildkröten, Anglerfische, Thunfische aller Art, noch mehr, aber eher kleine Haie, Wahoos, Tintenfische, und so weiter und sofort. Am besten fand ich die Schildkröten. Die sind einfach niedlich und bewegen sich trotz ihrer behäbigen Form unglaublich grazil. Lustig waren auch die Avancen eines Tintenfischmännchens, dass sich relativ dreist an ein Weibchen ranmachte und es dabei vetrieb. Der eine Tauchguide der zu diesem Zeitpunkt dabei war, erwähnte noch den ganzen Abend wie tragisch es sei, dass wir den Akt verpasst hätten. Diese Tintenfische sind schon bizarre Wesen, aber wie sie da so rumtentakelten waren sie irgendwie rührend. Ach ja, das Tauchen war einfach super und ich überlege schon wann und wie ich das nächste mal wieder sowas machen kann.

Neben dem Tauchen genossen wir die schönsten Aussichten auf unbewohnte Inselchen mit weissem Sand und Palmen und auf türkisblaue Lagunen. Das Essen, was der Koch zauberte, war echt lecker und der Barkeeper hatte es auch gut drauf. Am letzten Abend wurden wir zu waschechten Tauchern getauft und uns wurden hammerharte Long Island Ice Teas in die Schnorchel gegossen, nicht im Wasser versteht sich. Danach hatten wir gut einen in der Krone und namen noch ein paar mehr Drinks auf dem Sonnendeck unter dem endlosen Sternenhimmel. Ich will zurück!

Bestimmt habe ich jetzt viele Dinge noch nicht erwähnt, aber man muss das einfach erlebt haben, um zu verstehen, wie schön das Tauchen und die Malediven sind. Wir waren hin und weg. Leute, wenn das traumhaft klingt, solltet Ihr Euch das beiweilen auch mal geben. Ist zwar echt teuer, aber wow: es ist einfach so wie auf den Fotos im Reiseprospekt. Ich habe nur Angst, dass es süchtig macht ;D

Egal, ich bin jetzt noch glücklich, wenn ich daran zurückdenke und damit werde ich Euch die nächsten Jahre noch in den Ohren hängen. Zuguterletzt wollte ich noch einmal sagen, dass es auch mit Nina einfach nur cool war. Schon beim Wandern war ich beeindruckt, dass sie nicht einmal maulte, wo ich schon manchmal nah am Aufgeben war, und beim Tauchen, das einem ja auch mal Angst einjagen kann, war sie voller Begeisterung dabei. Es macht einfach Spass mit einer so starken Partnerin Abenteuer zu erleben. Nach so langer Zeit, die wir uns nicht gesehen hatten, war es einfach richtig schön, mal wieder im Team durchs Leben zu gehen und die Zeit miteinander ohne Probleme und Sorgen zu geniessen. Ausserdem sah sie geil aus =))) Hehe.

So und jetzt lass ich Euch noch ein kleines bisschen warten bis dann die Bilder folgen, eine Menge, und auch wenn sie nicht Alles einfangen können, vermitteln sie wenigstens einen Bruchteil der Schönheit, die Nina und ich auf den Malediven erleben durften. Also: stay tuned und freut Euch auf einen Haufen netter Pics.

Cheers, Euer Robert

23 Mai 2007

Sikkim in Bildern

Ich bin zurück und habe nun endlich die Zeit, meine Eindrücke mit Euch in Form von Bildern zu teilen. Anstatt lange rumzufackeln, geht's auch sofort los...

Die Brücke am Grenzposten zu Sikkim, von Riesenbambus gesäumt. Unter dem Tor mit der Aufschrift "Welcome to Sikkim" müssen die Reisenden darauf warten, dass ihre Papiere von den Grenzposten abgesegnet werden. Sikkim ist umstrittenes Gebiet, auf das auch China Anspruch erhebt, und ist deshalb nicht ohne Sondererlaubnis bereisbar.

Nach langen 5 Stunden Fahrt an steilen Berghängen entlang hinauf zum letzten größeren Dorf (Yuksom), dass man mit dem Jeep noch erreichen kann, und einer weiteren Nacht, wartet unsere Gruppe mit den Ponys auf uns, damit es gleich losgehen kann (die Gruppe war fotoscheu).

Unter 3000 Höhenmetern sind die Berge dicht und grün bewachsen, fast dschungelartig, und die warme, schwüle Luft lässt einen glauben, man bewege sich 2000 Meter tiefer.

Doch die steilen Klüfte und zwischendurch mal der Blick ins Tal erinnern einen daran, wie weit man schon gestiegen ist. 6 Stunden und 1000 Höhenmeter am ersten Tag (hier noch auf halbem Weg).

Zwischendurch muss man immer mal wieder am Wegrand warten, um von den störrischen Dzos nicht den Abhang hinuntergestossen zu werden.

Und überall, wo man weit sehen kann, wehen die Gebetsflaggen... und hier knarrten die Holzplanken der Brücke ganz schön. Da musste ich an Indiana Jones 2 denken: "ganz stabil, Indie! Guck mal!" und dann brechen die Latten...


Das letzte Dorf, auf 3000 Metern Höhe, ohne Strassenanschluss und Warmwasser, aber unheimlich friedlich und schön...

Und obwohl es hier scheinbar nur zwei handvoll Einwohner gibt, sieht man den Nachwuchs. Die Kleine hier war herzerwärmend niedlich. Man sieht den Unterschied zu den "Flachlandindern" deutlich.

Abends haben wir uns mit dem "local wine" wieder aufgewärmt, denn hier wurde es abends erstmals kühl. Der Wein schmeckt wie ein besonders fruchtiger Sake (japanischer Reiswein) und entsteht indem man heisses Wasser auf vergorene, kleine Beeren giesst. Und das Beste ist: man kann immer wieder nachgiessen und es hört nicht auf zu wirken ;D

Im Mai ist die Rododendrensaison und überall (unter 4000 Metern) blühen (und duften) die Büsche.

Auf fast 4000 Metern angekommen, keuchen wir wie Asthmatiker und gönnen uns eine Pause auf einem kleinen Bergrücken. Unser Guide, unser Koch und ein anderer Wanderer sehen sichtbar entspannt aus. Faszinierend auch wie die Jungs teilweise in kurzen Hosen und FlipFlops da hochhüpfen. Born to Climb! sag ich nur...

Obwohl die Wolken fest auf 4500 Metern hängen, lohnt sich der Ausblick. Morgen abend würden wir da hinten am Fluss rasten...

Unser erster Abend auf 4000 Metern und die Wolken hängen unverändert fest, aber wir freuen uns über den zweiten geschafften Aufstieg von weiteren 1000 Höhenmetern. Nachmittags würde es noch hageln und schneien. Da war dann klar, dass wir langsam höher angekommen sind.

Der nächste Morgen, vor Sonnenaufgang. Gespenstisch hängen die Gebetsflaggen über uns und flattern. Uns dröhnt der Kopf, schlägt das Herz und die Wolken verwären uns den Blick auf den dritthöchsten Blick der Welt, den Kanchendzonga (~8600m). Später würde sich die Sicht klären, aber die Wolken hielten sich auf 4500 Metern.

Über unwegiges Geröll geht es ab zum Flussbett und wieder rauf, auf dem Weg zum nächsten Halt. Zwischendurch müssen wir vor den Dzos flüchten, die bergab schneller laufen und einem mit ihren riesigen Hörnern das Gefühl geben, man befinde sich gerade in Pamplona und müsse aufpassen nicht aufgespiesst zu werden. Vielleicht fühlt man sich bei dem hohen Puls aber einfach auch nur verletzlicher.

Ein kleiner Seitenarm des wilden Gebirgsflusses, den wir noch eine weitere Stunden entlangwandern würden. Atemberaubende Eindrücke.

Angekommen am nächsten Camp. Nina ruht sich aus und die Ponies scharen sich dazu. Wenn die Wolken sich auflösten sähe sie genau in Richtig Riesenberg, aber das tun die Wolken nicht. Trotzdem toll hier!

Der höchste Punkt unserer Reise: ein heiliger Bergsee auf 4300-4400 Metern. Wegen der Wolken entscheiden wir uns am nächsten Tag, nicht noch höher zu steigen, weil wir nur weiss gesehen hätten.

Der nächste Morgen bestätigt unsere Erwartungen: die Wolken fühlen sich pudelwohl dort wo sie sind und wollen partout nicht weichen.


Also geht es wieder abwärts, auf einem anderen Weg diesmal, und durch gespenstische Wälder und leichten Nebel. Dafür ist es hier wieder wärmer... aber auch feuchter.

Noch einen Tag später erwartet uns endlich unsere Entschädigung: ein uriges Hotel...

Und endlich der Blick auf den Gipfel! Oder etwa doch nicht?! Nein! Leider nicht, denn was wir hier sahen, war der Nachbargipfel, der "nur" 6000 Meter hoch ist. Wie dann wohl der Kanchendzonga ausgesehen hätte? Wir haben es nicht erfahren dürfen, aber glücklich waren wir trotzdem.

Ich hoffe die Bilder haben Euch gefallen wie uns unsere Wanderung. Hoch lebe der Himalaya!

12 Mai 2007

Atemlos im Himalaya

Puh, was fuer eine Wanderung! Seit gestern abend sind Nina und ich zurueck im Tal (auf etwa 2000 Metern) in Yuksom, einer Stadt im Westen Sikkims. Wer Sikkim auf der Weltkarte finden will, muss erst nach Indien, Nepal und Bhutan suchen. Sikkim ist ein kleiner Zipfel Indiens im mittleren Norden, der im Westen an Nepal, im Norden an Tibet (oder offiziell gesagt an China) und im Westen an Bhutan grenzt. Hier in Sikkim scheint man Indien schon verlassen zu haben, denn Land und Leute sind voellig anders. In den niederen Lagen sieht es hier aus, wie man sich Indochina vorstellt, voller gruener, dschungelartig bewachsener Huegel und Bambushuettchen. Wandert man hoeher in die Berge, wird es schroffer und erst weichen die Waelder Rododendrenbueschen und dann spaeter die Buesche einer immer felsigeren, kieseligen, sehr schroffen Landschaft.

Wir waren jetzt 6 Tage in den Bergen unterwegs und sind anfangs auch von hier in Yuksom, wo wir jetzt gerade sind, gestartet, begleitet von 5 Leuten: unserem Guide, unserem Koch, unserem Pony-Fuehrer und zwei weiteren Portern. Etwas ueberrascht ueber diese Entourage waren wir schon, denn ich hatte irgendwie nur mit einem Begleiter gerechnet, als ich den Trek von Mumbai aus gebucht hatte. Muss man sich mal vorstellen: 2 Wanderer und 5 Helfer!

Die Wanderungen waren schoen, abwechslungsreich, aber hart und jedes mal, wenn sich uns im Laufe des Tages eine neue Landschaft praesentierte, hatten wir das Gefuehl, uns diesen Anblick auch richtig erkaempft zu haben. Die beiden ersten Tage legten wir jeweils 1000 Hoehenmeter zurueck, so dass wir schon am zweiten Abend auf 4000 Meter Hoehe ankamen. Dort erlebten wir sogar Schnee und nach der ersten Nacht auf dieser ungewohnten Hoehe wachten wir auch mit droehnenden Koepfen auf. Ab 3500 Meter beginnen die meisten Menschen, die ersten Anzeichen von Hoehenkrankheit zu zeigen und auch wir blieben davon nicht verschont. Zum Glueck blieb es nur bei leichten bis mittleren Kopfschmerzen und weitere Symptome, die einem zum Abstieg zwingen, blieben aus. Wer Pech hat, bekommt ein Lungenoedem (Wasser in der Lunge), dass einem bei mehrtaegiger Vernachlaessigung das Leben kostet, aber das sind doch alles nur Horrorgeschichten, oder?

Die naechsten 2 Tage bewegten wir uns nicht mehr hoeher, sondern naeherten uns unserem Zielort, dem auf 5000 Metern gelegenen Goechala-Pass. Das war auch gut so, denn bei der duennen Luft da oben ist das Wandern eine ganz andere Welt. Nach 2 Minuten Aufstieg auf einen Huegel schlug mein Herz schon wie nach einem 100 Meter Sprint mit voller Power und so mussten wir sehr gemaechlich laufen und oefter mal Verschnaufpausen einlegen. Die spuerbar duenne Luft zwingt einen mehr und tiefer zu atmen und das Herz schneller zu schlagen, um oefter kleinere Sauerstoffdosen zu den Zellen zu transportieren. Ich frag mich wie der Messner dass auf doppelter Hoehe, 8000 Metern statt 4000, ueberlebt hat. Da muss dann auch das Hirn weich werden...

Jeden Tag verausgabten wir uns fast bis zum Limit und wer keinen starken Kopf und gut trainierte Beine hat, dem rate ich von solch einer Wanderung ab. Allerdings wurden wir nicht schlecht von einer Senioren-Wandergruppe ueberrascht, die ihre Wanderung auf den gleichen Pfaden als unterhaltsam bezeichneten. Das Geheimnis steckt wohl in der Geschwindigkeit und in der Zeit, in der man Hoehenmeter zuruecklegt. Sprich: wer sich nicht fit fuehlt, aber trotzdem hier hoch will, muss nur ein paar mehr Tage einplanen und das Ganze einfach langsamer angehen.

Geschlafen haben wir teilweise in Wandererhuetten und teilweise im Zelt. Leider gab es keine Moeglichkeit sich aufzuwaermen, denn im Nationalpark ist ein gemuetliches Lagerfeuer oder ein Ofen in den Wanderhuetten verboten und so frieren sich dort alle Wanderer ganz ehrlich gesagt den Arsch ab, ausser sie haben sich Arktisjacken mitgebracht. Wenn man mit der 3 bis 6 stuendigen Tagesroute fertig ist, bleibt einem nichts anderes mehr als der Schlafsack und regelmaessig eine Tasse Tee.

Womit wir bei der Versorgung waeren. Die war unglaublich gut. Drei mal am Tag bekamen wir von unserem Koch ein Bueffet mit 5 Gerichten vorgesetzt, fast ohne Wiederholung von Gerichten, und immer lecker. Eigentlich mussten wir ausser Wandern sowieso nichts machen: unsere Taschen wurden von den Ponys getragen, unser Zelt wurde uns aufgebaut und unser Essen bekamen wir auch. Das ganze war gerade zu perfekt geplant. Wir wurden sogar am ersten Tag vom Flughafen abgeholt und als wir am Startpunkt der Wanderreise im Hotel ankamen, gab es auch schon Essen. Und morgen werden wir wieder zum Flughafen gefahren.

Die einzigen beiden Enttaeuschungen waren das Wetter und die "Trinkgeldaffaere". Das Wetter war die ersten 2 Tage super und wir haben uns beide extreme Sonnenbraende eingefangen. Danach wurde es wolkig und wir erlebten Regen, Hagel und einmal sogar Schnee. Den Zielpunkt unserer Tour konnten wir so leider gar nicht erreichen und den dritthoechsten Berg der Welt (Mount Kanchendzonga, 8500 Meter), den man von dortaus am besten sehen kann, haben wir nicht ein mal zu Auge bekommen, weil sich die Wolkendecke konstant zwischen 4000 und 5000 Metern hielt. Trotzdem war es es uns absolut wert, soweit gestiegen zu sein, denn die Landschaften und das Gefuehl, so viel geschafft zu haben, waren wichtiger als der Blick auf diesen einen Berg.

Die "Trinkgeldaffaere" war eigentlich ein groesserer Daempfer. Am letzten Tag des Abstiegs, haben wir abends einen Kuchen gebacken bekommen und wurden dann von unserem Guide darauf hingewiesen, dass Trinkgeld erwartet wuerde. Tabu Nr. 1 gebrochen: Trinkgeld erfragt man nicht, sondern bekommt es! Aber ok, verbucht als kulturelle Insensibilitaet. Vielleicht findet man das hier ja ganz normal. Dann Tabu Nr. 2: als ich Geld tauschen will, um Kleingeld fuer die einzelnen Crewmitglieder zu haben, fragt mich unserer Guide, wieviel ich denn tauschen will, 4000 INR? Ob der Kerl vom Mars kommt oder bisher nur von der Queen von England mit Trinkeld versehen wurde?! Das sind umgerechnet 80 Euro, utopisch fuer indische Verhaeltnisse! Ich war sprachlos: unser netter Guide entpuppte sich scheinbar als der eiskalte, dreiste Geldfeilscher, dem man in Indien leider zu oft begegnet! Was fuer eine tiefe Enttaeuschung, gerade von ihm, den wir doch ganz gerne mochten! Ich spreche mit Nina und wir einigen uns, trotzdem bei der von uns gedachten Summe von 1000 zu bleiben. Nach einigem Hin und Her geben wir sogar mehr, aber mit dem Gefuehl emotional erpresst und betrogen worden zu sein und nichts mehr mit der Crew zu tun haben zu wollen. Wie haesslich Gier einem Menschen doch anstehen kann!

Tja, und jetzt sitzen wir gluecklich und aufgewaermt im einzigen Internetkaffee der Ortschaft hier und verbringen einen letzten Nachmittag hier, bevor es morgen auf den zweiten Teil der Reise geht, von dem ich dann fruehestens in 10 Tagen berichten werde. Dann werde ich auch noch eine Menge schoener Bilder von hier hochladen.

Kurzfassung:
hoechste erreichte Hoehe: 4300 Meter
hoechster Anstieg an einem Tag: 1000 Meter
laengste Strecke an einem Tag: 20 km
kaeltestes Ereignis: Waschen im vielleicht 3 Grad kalten Gebirgsfluss
ekligstes Ereignis: Entdeckung eines Blutegels an meinem Fuss (zum Glueck nur einmal)
gelesene Buecher: 1
verlorenes/gewonnenes Koerpergewicht: -2 Kilo Fett, +2 Kilo Muskeln
Tage mit Kopfschmerzen: 3/6
Sonnentage: 2/6

Was noch?

Lustig sind die Dzos, eine Kreuzung zwischen Kuh und Yak. Auf den schmalen Wegen mussten wir jeden Tag mehrmals aufpassen, nicht von diesen traegen, aber zielstrebigen Gepaecktieren umgelaufen zu werden. Irgendwie waren sie trotzdem niedlich.

Und dann war da noch der Wandererhund, ein treuer Berghund, der immer den Wanderern folgt und uns in 2 Tagen ans Herz wuchs. Leider traf der am 4. Tag auf einen anderen Artgenossen und nach einem zum Glueck nicht allzu blutigem Territoriums-Kampf bebellten sich die beiden dann die naechsten 10 Stunden land. Aetzend!

Cool auch: wir haben auf 4000 Metern mit einem handgeschnitzten Schlaeger Cricket gespielt und Nina hat sich als Naturtalent entpuppt (und ich mein Bowling verbessert). Ach ja, sorry, ich muss gestehen, das mir Cricket richtig Spass macht... ich bring auf jeden Fall einen Schlaeger mit nach Berlin und zeige es dann allen Interessierten.

Ok, mehr Geschichten und Bilder dann, wie gesagt, in etwa 10 Tagen. Bis dahin: viele Gruesse aus dem Himalaya. Die erste Haelfte der Reise haben wir unverletzt und begeistert hinter uns...