12 Mai 2007

Atemlos im Himalaya

Puh, was fuer eine Wanderung! Seit gestern abend sind Nina und ich zurueck im Tal (auf etwa 2000 Metern) in Yuksom, einer Stadt im Westen Sikkims. Wer Sikkim auf der Weltkarte finden will, muss erst nach Indien, Nepal und Bhutan suchen. Sikkim ist ein kleiner Zipfel Indiens im mittleren Norden, der im Westen an Nepal, im Norden an Tibet (oder offiziell gesagt an China) und im Westen an Bhutan grenzt. Hier in Sikkim scheint man Indien schon verlassen zu haben, denn Land und Leute sind voellig anders. In den niederen Lagen sieht es hier aus, wie man sich Indochina vorstellt, voller gruener, dschungelartig bewachsener Huegel und Bambushuettchen. Wandert man hoeher in die Berge, wird es schroffer und erst weichen die Waelder Rododendrenbueschen und dann spaeter die Buesche einer immer felsigeren, kieseligen, sehr schroffen Landschaft.

Wir waren jetzt 6 Tage in den Bergen unterwegs und sind anfangs auch von hier in Yuksom, wo wir jetzt gerade sind, gestartet, begleitet von 5 Leuten: unserem Guide, unserem Koch, unserem Pony-Fuehrer und zwei weiteren Portern. Etwas ueberrascht ueber diese Entourage waren wir schon, denn ich hatte irgendwie nur mit einem Begleiter gerechnet, als ich den Trek von Mumbai aus gebucht hatte. Muss man sich mal vorstellen: 2 Wanderer und 5 Helfer!

Die Wanderungen waren schoen, abwechslungsreich, aber hart und jedes mal, wenn sich uns im Laufe des Tages eine neue Landschaft praesentierte, hatten wir das Gefuehl, uns diesen Anblick auch richtig erkaempft zu haben. Die beiden ersten Tage legten wir jeweils 1000 Hoehenmeter zurueck, so dass wir schon am zweiten Abend auf 4000 Meter Hoehe ankamen. Dort erlebten wir sogar Schnee und nach der ersten Nacht auf dieser ungewohnten Hoehe wachten wir auch mit droehnenden Koepfen auf. Ab 3500 Meter beginnen die meisten Menschen, die ersten Anzeichen von Hoehenkrankheit zu zeigen und auch wir blieben davon nicht verschont. Zum Glueck blieb es nur bei leichten bis mittleren Kopfschmerzen und weitere Symptome, die einem zum Abstieg zwingen, blieben aus. Wer Pech hat, bekommt ein Lungenoedem (Wasser in der Lunge), dass einem bei mehrtaegiger Vernachlaessigung das Leben kostet, aber das sind doch alles nur Horrorgeschichten, oder?

Die naechsten 2 Tage bewegten wir uns nicht mehr hoeher, sondern naeherten uns unserem Zielort, dem auf 5000 Metern gelegenen Goechala-Pass. Das war auch gut so, denn bei der duennen Luft da oben ist das Wandern eine ganz andere Welt. Nach 2 Minuten Aufstieg auf einen Huegel schlug mein Herz schon wie nach einem 100 Meter Sprint mit voller Power und so mussten wir sehr gemaechlich laufen und oefter mal Verschnaufpausen einlegen. Die spuerbar duenne Luft zwingt einen mehr und tiefer zu atmen und das Herz schneller zu schlagen, um oefter kleinere Sauerstoffdosen zu den Zellen zu transportieren. Ich frag mich wie der Messner dass auf doppelter Hoehe, 8000 Metern statt 4000, ueberlebt hat. Da muss dann auch das Hirn weich werden...

Jeden Tag verausgabten wir uns fast bis zum Limit und wer keinen starken Kopf und gut trainierte Beine hat, dem rate ich von solch einer Wanderung ab. Allerdings wurden wir nicht schlecht von einer Senioren-Wandergruppe ueberrascht, die ihre Wanderung auf den gleichen Pfaden als unterhaltsam bezeichneten. Das Geheimnis steckt wohl in der Geschwindigkeit und in der Zeit, in der man Hoehenmeter zuruecklegt. Sprich: wer sich nicht fit fuehlt, aber trotzdem hier hoch will, muss nur ein paar mehr Tage einplanen und das Ganze einfach langsamer angehen.

Geschlafen haben wir teilweise in Wandererhuetten und teilweise im Zelt. Leider gab es keine Moeglichkeit sich aufzuwaermen, denn im Nationalpark ist ein gemuetliches Lagerfeuer oder ein Ofen in den Wanderhuetten verboten und so frieren sich dort alle Wanderer ganz ehrlich gesagt den Arsch ab, ausser sie haben sich Arktisjacken mitgebracht. Wenn man mit der 3 bis 6 stuendigen Tagesroute fertig ist, bleibt einem nichts anderes mehr als der Schlafsack und regelmaessig eine Tasse Tee.

Womit wir bei der Versorgung waeren. Die war unglaublich gut. Drei mal am Tag bekamen wir von unserem Koch ein Bueffet mit 5 Gerichten vorgesetzt, fast ohne Wiederholung von Gerichten, und immer lecker. Eigentlich mussten wir ausser Wandern sowieso nichts machen: unsere Taschen wurden von den Ponys getragen, unser Zelt wurde uns aufgebaut und unser Essen bekamen wir auch. Das ganze war gerade zu perfekt geplant. Wir wurden sogar am ersten Tag vom Flughafen abgeholt und als wir am Startpunkt der Wanderreise im Hotel ankamen, gab es auch schon Essen. Und morgen werden wir wieder zum Flughafen gefahren.

Die einzigen beiden Enttaeuschungen waren das Wetter und die "Trinkgeldaffaere". Das Wetter war die ersten 2 Tage super und wir haben uns beide extreme Sonnenbraende eingefangen. Danach wurde es wolkig und wir erlebten Regen, Hagel und einmal sogar Schnee. Den Zielpunkt unserer Tour konnten wir so leider gar nicht erreichen und den dritthoechsten Berg der Welt (Mount Kanchendzonga, 8500 Meter), den man von dortaus am besten sehen kann, haben wir nicht ein mal zu Auge bekommen, weil sich die Wolkendecke konstant zwischen 4000 und 5000 Metern hielt. Trotzdem war es es uns absolut wert, soweit gestiegen zu sein, denn die Landschaften und das Gefuehl, so viel geschafft zu haben, waren wichtiger als der Blick auf diesen einen Berg.

Die "Trinkgeldaffaere" war eigentlich ein groesserer Daempfer. Am letzten Tag des Abstiegs, haben wir abends einen Kuchen gebacken bekommen und wurden dann von unserem Guide darauf hingewiesen, dass Trinkgeld erwartet wuerde. Tabu Nr. 1 gebrochen: Trinkgeld erfragt man nicht, sondern bekommt es! Aber ok, verbucht als kulturelle Insensibilitaet. Vielleicht findet man das hier ja ganz normal. Dann Tabu Nr. 2: als ich Geld tauschen will, um Kleingeld fuer die einzelnen Crewmitglieder zu haben, fragt mich unserer Guide, wieviel ich denn tauschen will, 4000 INR? Ob der Kerl vom Mars kommt oder bisher nur von der Queen von England mit Trinkeld versehen wurde?! Das sind umgerechnet 80 Euro, utopisch fuer indische Verhaeltnisse! Ich war sprachlos: unser netter Guide entpuppte sich scheinbar als der eiskalte, dreiste Geldfeilscher, dem man in Indien leider zu oft begegnet! Was fuer eine tiefe Enttaeuschung, gerade von ihm, den wir doch ganz gerne mochten! Ich spreche mit Nina und wir einigen uns, trotzdem bei der von uns gedachten Summe von 1000 zu bleiben. Nach einigem Hin und Her geben wir sogar mehr, aber mit dem Gefuehl emotional erpresst und betrogen worden zu sein und nichts mehr mit der Crew zu tun haben zu wollen. Wie haesslich Gier einem Menschen doch anstehen kann!

Tja, und jetzt sitzen wir gluecklich und aufgewaermt im einzigen Internetkaffee der Ortschaft hier und verbringen einen letzten Nachmittag hier, bevor es morgen auf den zweiten Teil der Reise geht, von dem ich dann fruehestens in 10 Tagen berichten werde. Dann werde ich auch noch eine Menge schoener Bilder von hier hochladen.

Kurzfassung:
hoechste erreichte Hoehe: 4300 Meter
hoechster Anstieg an einem Tag: 1000 Meter
laengste Strecke an einem Tag: 20 km
kaeltestes Ereignis: Waschen im vielleicht 3 Grad kalten Gebirgsfluss
ekligstes Ereignis: Entdeckung eines Blutegels an meinem Fuss (zum Glueck nur einmal)
gelesene Buecher: 1
verlorenes/gewonnenes Koerpergewicht: -2 Kilo Fett, +2 Kilo Muskeln
Tage mit Kopfschmerzen: 3/6
Sonnentage: 2/6

Was noch?

Lustig sind die Dzos, eine Kreuzung zwischen Kuh und Yak. Auf den schmalen Wegen mussten wir jeden Tag mehrmals aufpassen, nicht von diesen traegen, aber zielstrebigen Gepaecktieren umgelaufen zu werden. Irgendwie waren sie trotzdem niedlich.

Und dann war da noch der Wandererhund, ein treuer Berghund, der immer den Wanderern folgt und uns in 2 Tagen ans Herz wuchs. Leider traf der am 4. Tag auf einen anderen Artgenossen und nach einem zum Glueck nicht allzu blutigem Territoriums-Kampf bebellten sich die beiden dann die naechsten 10 Stunden land. Aetzend!

Cool auch: wir haben auf 4000 Metern mit einem handgeschnitzten Schlaeger Cricket gespielt und Nina hat sich als Naturtalent entpuppt (und ich mein Bowling verbessert). Ach ja, sorry, ich muss gestehen, das mir Cricket richtig Spass macht... ich bring auf jeden Fall einen Schlaeger mit nach Berlin und zeige es dann allen Interessierten.

Ok, mehr Geschichten und Bilder dann, wie gesagt, in etwa 10 Tagen. Bis dahin: viele Gruesse aus dem Himalaya. Die erste Haelfte der Reise haben wir unverletzt und begeistert hinter uns...

1 Kommentar:

Unknown hat gesagt…

Wow ich wusste ja gar nicht, dass ihr so eine Tour de Force wagt. Respekt dazu aus dem täglich in seinem Sessel sitzenden Andreas :).
Dass man von den nettesten Leuten enttauscht wird, gehört wohl zu der Erfahrung der unterschiedlichen "Reichtumsschichten" dazu.
Na dann zeigt mal ein paar Bilder her!
Ich stell mir grad vor, wie ihr an einem Berghang waghalsig Cricket spielt...