31 Oktober 2006

Mit dem Messer am Hals doch noch mal fein raus...

Guess what?! Heute war ich mal wieder beim Friseur, weil mein Haar langsam wieder wüste Formen annahm und ich zudem nicht wusste, wie ich meinen unaufhaltsam wachsenden Bart im Zaum halten kann. Also ging ich zum "Hairdresser" um die Ecke und liess mir die Haare und den Bart schneiden. Mein erstes mal, dass jemand fremdes mir die Klinge an die Gurgel hält, aber ich muss sagen: Supersache!

Abgesehen davon, dass hier alle Männer die gleiche Standardfrisur bekommen und ich den Friseur mehrmals bitten musste, doch bitte noch etwas mehr abzuschneiden (was ihn sehr verwunderte), war es echt toll. Für insgesamt 80 Cent verliess ich inklusive Nacken- und Gesichtsmassage frohlockend den Salon und fühlte mich wie frisch aus dem Ei gepellt. Das mach ich jetzt öfter, für den Preis am liebsten jeden Tag.

Wie man merkt ist Dienstleistung hier billiger als Sachgüter, im Gegensatz zu Deutschland. Die anderen Praktikanten haben eine Reinigungskraft engagiert, die täglich für sie die Wohnung putzt, das Geschirr spült und die Wäsche wäscht und all das für monatlich 15 Euro. Das ist der absolute Berliner WG-Bewohner-Traum, oder? Tja ja, Leute, um vieles mögt Ihr mich nicht beneiden, aber die Preise hier sind manchmal schon echt überzeugend. Cheers.

30 Oktober 2006

Arbeit und strange things en detail

Seit Rahjastan keine Nachricht mehr vom Exil-Berliner! Was treibt er bloss? Ist er nun etwa auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung irgendwie im Himalaya verschollen? Nein, so kann ich Euch beruhigen: ich bin wohlauf, aber war die letzten Tage mit Arbeit beschäftigt und zudem nimmt die Masse neuer Eindrücke mit jedem weiteren Tag stetig ab und was Ihr vielleicht noch beeindruckend oder schockierend fändet, das finde ich, zumindest hier, schon normal. Ja, ich gewöhne mich an dieses eigenartig fremde Leben, auch wenn es deutlich unter meinem gewohnten Lebensstandard liegt.

Gestern blieb ich mal wieder in einem Stau stecken und neben meinem Riksha stand ein LKW, der natürlich trotz 15-minütigem Rumstehen seinen Motor nicht ausmachte und so das Riksha, in dem ich sass, mit Abgasen vollpumpte. Das erste mal in meiner Zeit hier habe ich mich vermummt, um meine Lunge und mein Hirn zu schonen. Die Rikshafahrer müssen hier mit 40 Jahren an Lungenkrebs sterben, denke ich mir in solchen Momenten immer.

Ach ja, warum eigentlich all der Stau? Liegt es nur an der schieren Menschenmasse? Nein, es liegt vor allem an der fehlenden Infrastruktur hier. Die Strassen sind weder an allen Stellen gleich breit, noch wirklich plan, sondern von allen Seiten angenagt und voller Schlaglöcher. Nicht nur die Abgase gehen auf die Lunge, sondern auch die Schlaglöcher auf die Wirbelsäule. Zwar ist hier jede Strasse an irgendeiner Stelle eine Baustelle, an der sie erweitert wird, aber wenn ein Teil fertig ist, muss der nächste gleich wieder erneuert werden. Da wird einem schlagartig bewusst, wie verwöhnt wir Deutschen mit unseren Strassen sind.

Apropos Stau: ich lese jeden Tag die Tageszeitung, die ich hier im Hotel allmorgendlich umsonst bekomme und neben den sich ständig wiederholenden Nachrichten von Exmafiosis, die auspacken wollten und dann auf offener Strasse von ihren Exkollegen hingerichtet wurden (die scheinbar einzige Art von Kriminalität, die es hier ausser Bestechlichkeit gibt), fand ich einen Artikel nach dem Motto "Ach ja, die guten alten Zeiten", in dem ein alter Mumbaier sich über die schlechten Verkehrsverhältnisse in der Stadt heutzutage beschwert. Ach ja, damals haben die Leute noch die Verkehrsregeln beachtet und man konnte über einen Zebrastreifen gehen. Nein, heute ist die Überquerung einer Strasse ein Spiessrutenlauf, bei dem man ernsthaft auf sein Leben achten muss. Immerhin führt der Stau zu niedrigen Geschwindigkeiten, mit denen gefahren wird, und wenn man den richtigen Moment abpasst, kommt man ohne vollgehupt zu werden sogar einigermassen über die Strasse. Ich bin darin schon richtig gut, hey!

Und ja, stimmt ja, ich arbeite jetzt. Toll, oder? Leider kann ich mich hier nicht en detail über die Arbeit auslassen, denn ich habe ja auch eine gewisse Verschwiegenheitspflicht, aber eines kann ich Euch sagen: es ist ein ziemliches Chaos und ich habe eine Aufgabe bekommen, von der ich Null Plan habe. Der Witz ist, dass ich immer noch besser als die meisten meiner Kollegen bin und letztendlich kann ich derzeit sogar ne Menge neuer Programmiertechniken lernen, die sich im Lebenslauf nicht allzu schlecht machen dürften. Etwas krass ist allerdings, dass ich das gerade vergangene Wochenende mal eben komplett durchgearbeitet habe, weil das Projekt, in dem ich bin, Ende November fertig sein muss. Dafür bekomm ich danach etwa ne Woche frei.

Die Arbeitsatmosphäre ist übrigens ganz nett. Zwar sitze ich einem absolut sterilen Grossraumbüro mit auf die schnelle aufgebauten Trennwänden und Arbeitsplätzen, aber die Kollegen sind sehr kommunikativ und fast die Hälfte der Zeit geht hier für die Meisten mit Unterhaltungen drauf. Ich bin hier auch einer der Ältesten, denn die Inder kommen mit etwa 21 aus der Uni und legen dann gleich loss. Das Alter merkt man aber auch vielen in ihrer noch etwas unsicheren Art an. Ausserdem ist die Kultur hier so, dass die Menschen gegenüber Vorgesetzten und Älteren sehr devot sind, was ich aus Deutschland so nicht kenne. Wenn man möchte, kann man hier womöglich richtig den Tyrann raushängen lassen, ohne auf grossen Widerstand zu stossen. Ein kleiner Nebeneffekt dieses gewissen Untertanentums ist, dass die Leute auch nur das zu machen scheinen, was ihnen der Vorgesetzte sagt, sonst aber einfach rumsitzen und warten, wobei ne Menge kostbarer Zeit drauf geht. Dennoch, ich mag meine Kollegen und wir lachen und scherzen viel und: ich habe mir schon jetzt das eigenartige indische Kopfnicken angewöhnt. Das muss ich mir in Deutschland dann aber ganz schnell wieder abgewöhnen!

Mein Büro befindet sich auf einem abgesperrten Gelände, was so eine Art Sonderwirtschaftszone ziemlich riesigen Ausmasses ist. Die hier ansässigen Unternehmen müssen weniger Steuern abdrücken und ausser Leuten die hier arbeiten, darf niemand das Gelände betreten. Und hier tritt wieder mal so eine ungewohnte Eigenart dieses Landes zu Tage: der absolute Securitywahn. Ich wette ein Drittel aller Arbeitskräfte in diesem Land sind Securityleute. Bei dieser Masse kann man sich allerdings auch leicht denken, dass die meisten nicht sehr kompetent sind und das führt dann dazu, dass diese Sicherheitsangestellten eigentlich nur stressen, aber meiner Meinung nach nicht viel bringen.

Beispiel besagte Sonderwirtschaftszone: es darf nur rein, wer einen Angestelltenpass hat. Da meiner noch in der Mache ist, bekomme ich derzeit noch täglich einen neuen Besucherschein, den ich mir jeden morgen bei einem Sicherheitsfutzi abholen muss, der aber nicht immer da ist. Also muss ich dann auch mal 15 Minuten am Eingang warten, bis besagter Mensch gemütlich angeschlendert kommt, um mich dann zu meinem grossen Verdruss aus purer Unsicherheit, was er mit mir Alien anfangen soll, lieber mit zum obersten Sicherheitsoffizier am anderen Ende des Geländes bringt, nur damit dieser ihm mit einem Kopfnicken bestätigt, dass ich hier ruhig arbeiten darf. Vielen Dank auch. Am Eingang wird dann auch meine Tasche gefilzt. Dabei wird sie eigentlich nur in die Hand genommen und ein wenig geschüttelt, damit man den Eindruck gewinnt, man mache hier seine Arbeit auch sachgemäss. Eigentlich kann ich da reinschleusen, was immer ich will.

Beispiel Downtown, Air India Building, das grösste Bürogebäude Mumbais: im Eingangsbereich gibt es eine Sicherheitsschranke und ein Fliessband für Taschen, wie am Flughafen. Jedes mal, wenn ich durchspaziere, pipt die Anlage, und die nicht erlaubte Kamera in meinem Rucksack interessiert den Sicherheitsmenschen hinter dem Scannermonitor nicht. Na fein, immerhin haben so mehr Menschen einen Job. ABM heisst sowas in Deutschland. Find ich gut.

Und sonst so, neben der Arbeit und der Zeit im Stau? Nun ja, ich versuche gerade wieder etwas mehr Sport zu treiben, indem ich fast täglich mehrere Bahnen im Hotelpool schwimme und langsam mein Lungenvolumen auf Vordermann bringen. Gleichzeitig mache ich alle 3 Tage etwas Training im kleinen Fitnessraum des Hotels. Bevor ich hierher kam, hatte ich fast zwei Monate lang nicht mehr regelmässig Sport getrieben und das muss jetzt geändert werden, auch wenn die Verhältnisse hier dafür nicht gerade wie geschaffen sind. Joggen oder Radfahren kann man hier eigentlich nicht und schicke Fitnessclubs sind hier sogar noch teurer als in Deutschland!

Überhaupt: die Preise für einige Dinge hier passen nicht ganz zu der Armut der breiten Masse. Grund und Boden sind in Mumbai teurer als in fast jeder europäischen Grossstadt und in den Reichengegenden kostet EIN Quadratmeter Wohnung monatlich zwischen 200-400 Euro Miete, in einer Wohnung in einem Hochhaus, denn Villengegenden gibt es hier aus Platzmangel nicht. Diese Zahl ist übrigens kein Witz, Leute! Ich habe das vor ein paar Tagen in der Tageszeitung gelesen. Warum, zum Teufel, dachte ich mir, ziehen solch reiche Menschen denn nicht lieber aufs Land in eine Villa und fliegen jeden morgen mit dem Hubschrauber zur Arbeit?! Oder man zieht gleich nach Europa, da ist luxuriöses Wohnen billiger und braucht keine Sorge zu haben, dass sich gleich neben seinem Haus spontan ein Slum ansiedelt. Verrückt!

Eine gute Geschichte zum Schluss: einer der anderen AIESEC-Praktikanten traf letzte Woche den Inhaber des Hotels, in dem ich hier wohne. Der kam gerade in seinem übetriebenen Mercedes vorgefahren und als er den Europäer erblickte, erkundigte er sich sofort, wie es ihm in seinem Hotel ergehe. Auf die Anmerkung, dass das Internet nicht funktioniere, wurde sofort ein Mitarbeiter zur Sau gemacht, und dann fragte er, wo denn die weibliche Begleitung des Praktikanten sei. Auf die Antwort, dass dieser eine Freundin zuhause habe, entgegnete der Hotelbesitzer, dass das ja kein Grund sei, sich keine schöne Inderin zu suchen und überreichte dem Praktikanten ein längliches Etui, welches zu dessen Überraschung eine goldene Damenarmbanduhr enthielt. Diese solle der Praktikant einer Inderin, die ihm gefalle, schenken, damit diese sich für ihn erwärme. Aha! Interessante Herangehensweise.

Ich habe übrigens noch nicht viele offensichtlich Superreiche erblickt. Die müssen sich wohl sonst eher in ihren Luxuswohnungen verstecken. Aber, es soll sie geben (und wenn ich auch noch so eine Uhr geschenkt bekomme, dann bekommst Du sie, Nina ;D ).

Und die traurige Nachricht zum Ende: gestern ist Indiens Cricketmannschaft gegen die Übermeister des Crickets, die Australier, aus dem Miniworldcup, der Champions Trophy, ausgeschieden. Die Strassen waren leergefegt. Ich sag Euch: Staatstrauer! Und weil es so ein trauriger Anlass ist, gibt es diesmal auch keine Fotos, dafür herzliche Grüße an Euch alle. I'm stay'n alive and continue providin u nice stories...

P.S.: Ich habe soeben Magdas Blog verlinkt. Dort gibt es noch mehr Fotos aus Indien und die interessante Feststellung, dass ich der "always-shopping-guy" bin. Hmmm, ok.

25 Oktober 2006

Rahjastan!

Rahjastan, das Land der Rahjputen, stolzer Wüstenkrieger, der Nomaden und der Sikhs, ein Land vorwiegend bestehend aus der großen Thar-Wüste und Schauplatz nie enden wollender Kriege zwischen Stämmen indischer und arabischer Stämme, rau und karg, doch voller bunter Farben. Meine 5-tägige Minireise durch dieses Land ist nun vorbei und jeden Tag habe ich Tagebuch geführt, um keine der vielen interessanten Erfahrungen zu verpassen. Hier sind die Abschriften meiner Tagebucheinträge.

20. Oktober 2006 (irgendwo zwischen Ahmedabad und Udaipur, im Zug):

Es ist noch früh am morgen und ich habe gerade meine erste Nacht im Schlafwagen eines indischen Zuges hinter mir. Gestern sind meine beiden Mitreisenden Gabi und Ramona,mit mir um 20:30 Uhr in Mumbai eingestiegen, allerdings in unterschiedliche Abteile, weshalb wir uns erst heute morgen in Ahmedabad, dem Zielort des Zuges, um 5:20 Uhr wiedersahen. Ahmedabad liegt im Bundesstaat Gujarat und jetzt sitz ich im Regionalzug nach Udaipur im Bundesstaat Rahjastan, dem ersten geplanten Stop dieser Tour.



Die Nacht habe ich ganz gut überstanden. Die Schlafabteile sind ok, aber keine wirklichen Abteile, sondern zum Gang hin offen. Da viele Familien mit Kindern unterwegs sind, ist es ziemlich laut. Immerhin hatte ich ein Ticket für einen klimatisierten Waggon und da ich Zugreisen gewhnt bin, konnte ich auch fast 6 Stunden schlafen.Hier im Regionalzug wird es mittlerweile immer voller. Ramona und Gabi haben sich Liegen gekrallt und schlafen während ich zwischen immer mehr Männern eingequetscht werde. Die Platzkarten sind hier scheinbar nichts wert! Was soll's, es sind ja nur 10 Stunden und wenn ich müde werde, habe ich eine natürliche Lehne.



Draussen ist es übrigens schon hell und irgendwie erscheint die Umgegend lieblicher, obwohl sie genauso vermüllt ist wie Mumbai. Irgendwo zwischen den Müllhaufen sitzen Leute und kacken oder Kinder spielen, während daneben Kühe aus verschmutzten Wasserlachen trinken. Vielleicht sind sie heilig, weil sie sowas überleben?



Es ist jetzt ein paar Stunden später und ich muss zugeben, dass ich falsch lag. Der Müll und der Schmutz enden, sobald man sich weiter von einer größeren Stadt entfernt. Dann bekommt man das wirkliche Land zu sehen und das ist sehr, sehr schön: hier herrscht noch die Natur und die Menschen leben in ihr und hier leben scheinbar weitaus weniger Menschen als ich vermutet hatte. Alles wirkt entspannter und glücklicher. Auch das Licht ist hier anders: in Mumbai strahlt die Sonne nie so direkt, vielleicht wegen des Smogs. Die Landschaft ist wirklich eine Offenbarung für mich! Wenn ich das Alles hier sehen, dann frage ich mich, warum so viele Menschen vom Land in die Stadt ziehen, um dann in einem der Slums zu enden. Das Leben auf dem Land mag wenoger Aussichten bieten, aber es ist definitiv schöner, zumindest aus meiner Sicht. In Deutschland hat die Stadt was zu bieten, hier nur mehr Schmutz und Armut.





21. Oktober 2006 (nahe Udaipur, auf dem Weg nach Jodhpur, im Bus):

Vorgestern und gestern mein erstes mal Bahn und jetzt der Bus! Erster Eindruck: komfortabel. Zweiter Eindruck: kratzt ab, wenn's bergauf geht. Aber das holt der Busfahrer wieder raus, wenn es bergab geht, denn dann schrecken in keine noch so tiefen Schlaglöcher, Zeit ist schliesslich kostbar. Mir scheint, die meisten Verletzungen entstehen hier nicht durch Verkehrsunfälle, sondern dadurch, dass sich Passagiere die hinten sitzen, wie ich gerade, den Kopf an der Decke stossen, wenn sie nach einem Schlagloch von der überweichen Federung der Hinterreder Richtung Decke geschleudert werden. Aber irgendwie ist es lustig und immerhin auch schneller als der Regionalzug.

Die Hälfte der Passagiere sind hier Backpacker. Überhaupt: die ganze Stadt Udaipur war ein einziges Tourinest. Ab er zurecht: die Lage am Stausee Lake Pichola ist umwerfend. Mitten im See steht ein Palasr, der zu schwimmen scheint und heute ein Luxushotel ist. James Bond "Octopussy" wurde hier teilweise gedreht und in vielen Hotels der Stadt wird dieser Film abends gezeigt, weil die Einwohner so stolz darauf sind. Malerischer als der nächtliche Anblick, des durch hunderte von kleinen Lichtern erhellten Sees, geht es kaum.



Als wir ankamen, begann es bereits zu dämmern. Am Bahnhof spürte man sofort den Unterschied zu Mumbai: saubere Bahnsteige, weniger Menschen und ein sehr angenehmes, trockenes und warmes Klima. Ich war richtig froh, mich so spontan für diese Reise entschieden zu haben und voller freudiger Hoffnung, auf diesem Weg die wirklichen Reize des Landes erleben zu können.

Die ganze Reise findet übrigens genau zur Zeit des Diwali, einem landesweitem Festival zu Ehren der Göttin Lakshmi, statt. Sowas gibt es in Indien nicht oft, denn die meisten Regionen haben ihre favorisierten Götter und feiern deshalb an verschiedenen Tagen. Lakshmi allerdings ist die Göttin des Reichtums und da sagt natürlich kein Inder Nein. Das muss schon gebührend gefeiert werden und so hat Diwali einen Stellenwert wie bei uns Weihnachten. Die Festlichkeiten erstrecken sich über mehrere Tage (was auch diese Reise ermöglicht hat) und heute Abend ist das Hauptfest mit Feuerwerk und Verzierungen aller Häuser. Dummerweise kriege ich davon höchstens im Bus oder Zug etwas mit. Andererseits: ein paar Böller habe ich gestern schon erleben dürfen und da ich nicht als Tauber zurück nach Berlin kommen will, kann ich auf die Knallerei liebend gerne verzichten. Könnte ich diese Böller mit nach Berlin nehmen, würde ich zu Sylvester alle Hobbysprengmeister zurück ins Mittelalter bomben, aber wohl auch wegen mehrfacher Trommelfellzerstörung angezeigt werden.

Ein andere Punkt, der mit Diwali zu tun hat, ist dass zu dieser Jahreszeit natürlich alle Inder auf dem Weg zu Familienfesten und alle Züge überfüllt sind. Wir hatten entsprechend ein wenig Sorge, ob wir in Udaipur überhaupt eine Unterkunft finden würden. Zu unserem Glück aber war gleich das erste angesteuerte Guest House unheimlich schön direkt am See gelegen mit einem großartigen Blick auf den prunkvoll beleuchtetetn Palast in der Mitte des Sees. Zu dem Zeitpunkt war es dann also schon dunkel und wir zögerten nicht lange und schnappten uns das teuerste und schönste Zimmer, schließlich verbringen wir nur eine Nacht in einer Unterkunft und den Rest im Zug und in der Wüste. Da kann man schon 20 Euro zu dritt für ein tolles Zimmer ausgeben. Genauso viel haben wir uns dann ein fürstliches Abendessen im Fast-Luxushotel nebenan kosten lassen. Also Wow: das war ein Erlebnis! Wirklich fürstlich.



Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig in der Altstadt herum, aber da dort Alles schon gegen 22 Uhr dicht macht und die Strassen immer leerer wurden, verschoben wir weitere Erkundungen auf heute und schliefen uns in einem superbequemen Bett so richtig aus.

Heute morgen frühstückten wir entspannt auf der schönen Seeterasse unseres Guest Houses und überlegten mit unseren 3 verschiedenen Touriguides bewaffnet, welche Orte wir uns in den uns verbleibenden 3 Stunden bis unser Bus fährt, vornehmen sollen. Leider mussten wir also eine Bootsfahrt zum Palast auf dem See und eine Besichtigung des Haremgartens das Maharadjas auslassen. Dafür waren der Palast, der nicht auf dem See, sondern nahe dem Ufer liegt und bestimmt 4 mal so groß ist, und der größte Hindutempel der Stadt, die wir besichtigten, absolut sehenswürdig.



Eigentlich hatten wir nicht genug Zeit in Udaipur, aber ich kann jedem Indienreisenden auch trotz des nur kurzen Besuch nur dringend raten, diesen Ort nicht auszulassen. Und zum Shoppen ist es super in Udaipur, was ich in Begleitung Ramonas und Gabis unter vollständiger Ausschöpfung meiner hohen Geduldsreserven deutlich zu spüren bekam, indem ich in einem Schmuckladen nach dem anderen geschleppt wurde. Jeder Laden war bis an die Zähne mit wirklich geschmackvollen Schmuck- und Kleidungsstücken ausgestattet, dafür muss man sich aber auch auf knochenharte Preisverhandlungen gefasst machen, was ich dann den Damen überließ, da ich zum Glück keinen Bedarf spürte, mich noch weiter auszustatten.



Rahjastan ist übrigens die Heimat der Rahjputen-Dynastie, der zweitaltesten Dynastie der Welt nach den japanischen Samurais, und wie jede langlebige Dynastie zeichneten sich die Rahjputen vor allem durch ihre gefürchteten Krieger aus. Sie hatten eine Reiterarmee, die egal gegen wieviele Gegner aufgrund eines strengen Ehrenkodexs niemals aufgab und wenn die Armee vernichtet war, warfen sich die Frauen der Krieger, so wollte es die Tradition, alle gemeinsam ins Feuer, um ihre Männern ins Jenseits zu begleiten. Das geschah in Rahjastans Geschichte 4 mal und veranlasste die Besatzer jedes mal unvergnügt lieber nicht dort zu siedeln und so überlebten die Rahjputen bis heute.

Die traditionelle Opferung einer Frau für ihren Mann gibt es übrigens heute noch, aber nicht in Form einer Massenverbrennung, sondern nur individuell, wenn man das so sagen kann. Es ist zwar gesetzlich verboten, aber dieser Akt wird in ganz Indien immer noch von so vielen Leuten als besonders ehrenswert angesehen, dass es alle paar Jahre mal hier und da wieder passiert, dass sich eine Frau für ihren verstorbenen Gatten auf den Scheiterhaufen begibt.

Rahjastan ist übrigens auch die Herkunftsregion der Sikhs, jener Inder mit Turban, Dolch und Vollbart, die man oft als die archetypischen vorgestellt bekommt. Und geht man noch weiter in der Geschichte zurück, so sollen angeblich wohl auch die Sinti- und Roma-Völker hierher stammen. Wer weiß, so oder so fällt auf, dass die Menschen hier stärkeren Traditionen verpflichtet sind und als Tourist ist das natürlich (bis auf die Scheiterhaufengeschichte) sehr reizvoll zu sehen.

22. Oktober 2006 (irgendwo am Rand der Thar-Wüste im Schatten eines Busches):

Irgendwo am Horizont kann ich noch die Strommasten erkennen, die neben der Straße entlanglaufen, von der aus wir gekommen sind. Die Gegend ist trocken und erdig karg, doch noch an vielen Stellen von Büschen oder kleinen Bäumen bewachsen. An ein paar Hügeln scheint goldgelber Sand hindurch, der an das erinnert, was man sich wohl als erstes unter "Wüste" vorstellt: endloose Sanddünen ohne eine Spur grün. Aber da wo ich jetzt bin, ist es noch lang nicht so. Obwohl die Tahr-Wüste in manchen Gegenden wohl wirklich so sein soll, werde ich diesen Teil nicht erleben dürfen, denn dazu müssten die Kamelführer in die verbotene Grenzgegend zu Pakistan, die von hier nur 50 Kilometer entfernt ist. Dafür führt uns unser 2-Tage-Tripp wohl heute Abend noch an den einzigen Dünenstreifen in der Umgegend von Jaisalmer, dem Ort, von dem aus wir heute morgen gestartet sind. Ich hoffe sehr, dass ich auf diesem Wege wirklich so etwas wie die Wüste, die ich mir vorstelle, zu sehen bekomme.







Da wo ich jetzt gerade bin, sind außer Ramona, Gabi und mir nur unseren beiden Kamelführer und der "Pepsiman", ein Einwohner aus einem Nachbardorf, der hier gerade irgendwie aus dem Nichts plötzlich auftauchte, um uns Softdrinks anzubieten. Während die drei sich Einheimischen unterhalten und Mittagessen für uns kochen, sitze ich hier friedlich im Schatten und nutze die Gelegenheit, mal wieder ein paar Zeilen zu schreiben. Übrigens putzen die Leute hier ihr Geschirr mit Wüstensand ab, was uns anfangs etwas irritierte, aber scheinbar erstaunlich gut funktioniert. Ich bin übrigens in einem weißen, traditionell-indischem Gewand gekleidet und trage einen weißen Turban. Sieht schon ganz cool aus, habe ich mir nämlich selbst gekauft.

Unsere Busfahrt gestern verlief ganz gut trotz eines geplatzten Reifens und einer Stunde Verspätung im Zielort Jodhpur, von wo aus wir den Nachtzug nach Jaisalmer nahmen. An einem der kleinen Stopps in einem Dorf mit ebenso vielen animalischen Einwohnern wie menschlichen erdreistete sich eine Kuh die Blumen-Festtags-Beschmückung des Busses abzufuttern, während der Busfahrer sich gerade einen Chai-Tee, das absolute Nationalgetränk Nummer Eins, besorgte. Auf meiner Erleichterungsausflug ins Gebüsch leif ziemlich entspannt eine Wildschweinmutter mit ihren Frischlingen an mir vorbei, die Menschen scheinbar gewohnt war, und mich natürlich erschreckte, aber sonst weiter nichts tat. Unterwegs blockierten ein paar Affen die Straße. Eine Busfahrt die ist lustig, eine Busfahrt die ist schön!





In Jodhpur abends angekommen war böllertechnisch die Hölle los und wir nutzten unsere 3-Stunden-Pause bis zum Zug und verkrochen uns in einer Art indischem McDonalds mit angeblich indischem Fastfood. Das Essen war zwar typisch indisch, aber wir wurden sehr schnell bedient und als wir fertig waren auch sehr schnell wieder herauskomplimentiert, aber was eher an Fastfood beziehungsweise Fast-Foodherstellung erinnerte war die lustige Tatsache, dass ich in meinem Essen eine Tackerklemme fand, die ich zum Glück nicht runterschluckte. Irgendwie freute ich mich und dachte mir: Coole Geschichte. In den USA hätte ich mir schnell eine kleine Wunde in die Lippe gestochen und dann eine Million Dollar Schmerzensgeld verlangt. Anstattdessen gab es eine Ersatzportion, die dann auch Tackerklemmenfrei war und super schmeckte.

Nach dem Essen ging es ab zum Bahnhof, der eher einem Massenschlafsaal glich, weil der halbe Boden mit schlafenden Obdachlosen bedeckt war. So viele Menschen ohne Heim habe ich noch nie auf einem Fleck gesehen. Das bedrückte mich schon ein wenig, aber hier kratzt es niemanden.

Die Nachtfahrt war diesmal etwas unangenehmer, weil auf dem nächtlichen Weg durch die steppenartige Landschaft feiner gelber Sand zu den Fenstern hereinwehte, der alle Insassen mit einer Panade bedeckte, und mir auch das erste mal in diesem Land kalt wurde, weil das Kontinentalklima den Menschen hier auch mal ganz schön kühle Nächte bereiten kann.

In Jaisalmer, einem alten Wüstenfort der Rahjputen, das ziemlich abgeschnitten von allen anderen indischen Städten nahe der pakistanischen Grenze liegt, kamen wir um 5 Uhr heute morgen an und wurden erstmal von mindestens 10 angeblichen Helfern belästigt, die uns alle zu ihren verschiedenen Hotels bringen wollten. Während wir versuchten, erstmal in unseren Reiseführern empfehlenswerte Anbieter von Kamel-Safaris auszumachen, nervten uns diese Leute mit ihrer dreisten Ignoranz, indem sie auf die Bitte, uns in Ruhe zulassen, genau 10 Sekunden eingingen, um dann wieder auf uns einzureden. Selbst als Ramona sie anschrie, reagierten sie wieder genauso. Tja, das muss man halt aushalten. Immerhin braucht man sich keine Sorgen machen, dass man wegen ungehaltener Unfreundlichkeit eine Auseinandersetzung fürchten muss.







Schließlich stellte sich heraus, dass einer der netten Menschen um uns herum angeblich für einen der empfohlenen Reiseanbieter arbeitete und so liessen wir uns von diesem zum Office desselben fahren, das allerdings so früh morgens noch geschlossen war. Netter Trick, denn eigentlich wollte er uns nur zeigen, dass der Laden zu war und wir deswegen bei ihm einen Ausflug buchen sollten. Da wir glücklicherweise deutlich und nach mehrfachen Rückbestätigungen durch typisch indisches missverständliches Kopfnicken vereinbart hatten, dass wir ihm für die Fahrt 10 Rupie geben würden, ließ er uns dann ohne großen Aufstand wieder gehen, als wir ihm deutlich machen, dass uns seine Hilfsbereitschaft nun reiche.

Und so sah die Wüste dann tatsächlich aus:




24. Oktober 2006 (nachmittags im Zug zurück nach Mumbai):

Yeehah! Die letzte Hürde ist geschafft. Nach einer kurzen, aber tollen Reise sitze ich nun wieder im Zug zurück nach Mumbai. Die letzte Hürde, von der ich sprach, war es, Plätze in diesem Zug zu bekommen, denn die indische Eisenbahngesellschaft hat ein unergründlich-ausgeklügeltes System der Platzreservierung, welches alle landestypischen Eigenschaften in sich vereint: 1. Es ist nirgendwo dokumentiert, aber jeder Inder kennt es (dafür natürlich kein Tourist). 2. Es ist bürokratisch. 3. Es ist flexibel was Schmiergelder betrifft. 4. In den Regionalzügen wird es von Allen ignoriert. 5. Man kann sich nicht darauf verlassen, aber irgendwie klappt es dann doch. Und das Ganze funktioniert dann so: neben 6 verschiedenen Buchungsklassen, gibt es noch etwa 6-8 Ticketpools, denen jeweils eine bestimmte Anzahl von Plätzen in den Zügen zugeordnet sind. Bisher habe ich ausserdem noch Folgendes verstanden: die unteren 3 Klassen sollte ein Tourist nicht buchen, denn die drittbeste ist schon hart an der Grenze (und für alle anderen braucht man sowieso keine Reservierung, weil sie niemanden interessiert), einige der Ticketpools sind scheinbar für die Vergabe gegen Schmiergeld oder für Bekannte gedacht und zuguterletzt gibt es noch Tickets mit Wartenummern. Eine Wartenummer besagt so viel wie: derzeit hat schon jemand anderes Deinen Zug, aber wenn er abspringt kriegst Du ihn. Und weil dieses System so ist wie es ist, buchen alle Inder ihre Tickets auch wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie sie später auch wirklich brauchen, und etwa ein Drittel der Tickets wird scheinbar wieder gecancelled. Letzteres Glück hatten wir, denn sonst hätten wir einen Bus oder den Schmiergeldweg gehen müssen. Also: danke, lieber Gott! Es hat geklappt.

Die letzte Nacht habe ich im Zug von Jaisalmer nach Jodhpur und den heutigen Vormittag und Mittag dann in Jodhpur verbracht. Jodhpur ist für zwei Dinge bekannt: sein beeindruckendes Fort auf einem riesigen Sandsteinfelsen und die blaugetünchten Häuser der Altstadt, die das Fort umgeben. Genau diese Orte haben wir uns dann angeschaut und genossen. Nur am Ende wurde es etwas stressig, als wir noch 15 Minuten vor Abfahrt unseres Zuges immer noch im Restaurant saßen, weil das Essen so lange brauchte und die Bedienung auf den Hinweis, dass wir uns beeilen müssen, entgegnete, dass der Zug sowieso zu spät komme und wir uns beruhigen könnten. Nachdem wir richtig Druck gemacht hatten, schafften wir es mit 10 Minuten Verspätung (inklusivem dem üblichen Mit-Rikscha-Im-Stau-Steckenbleiben) am Bahnhof anzukommen, um gerade noch den Zug zu bekommen.



Das Wüstenfort übrigens war beeindruckend riesig und mächtig. Auch diese Festung gehörte den Rahjputen und konnte niemals in ihrer Geschichte von Angreifern eingenommen werden, was bei ihrem Anblick nicht verwundert. Toll! Der letzte Radja von Jodhpur hat sich am Rand der Stadt in den 40ern einen neuen prächtigen Palast bauen lassen und die Festung in eine Touriattraktion umfunktionieren lassen. Sein Sohn, der heutige Radja Jodhpurs, hat zwar heute politisch nichts mehr zu sagen, aber immer noch genug Kohle und leitet vor allem Stiftungen für die Erhaltung des rahjputischen Kulturerbes. Kein schlechter Job und sein Schloß mal eben so aus wie der Taj Mahal. So lässt es sich leben, sag ich Euch!



Wie dem auch sei, wenn mein Zug keinen Unfall baut oder liegen bleibt, wird meine Reise hier ein glückliches Ende nehmen. Was für ein Glück, dass ich das erleben durfte. Nicht mal eine Woche vor Beginn der Reise erfuhr ich erst, dass sie stattfinden würde und in diesem Fall hat sich die Tatsache, dass ich bisher keine Arbeit zugewiesen bekommen habe, mal so richtig gelohnt. Natürlich bin ich auch hier um zu reisen, aber dass ich so schnell die Gelegenheit haben würde, hatte ich nicht erwartet, und nach diesen schönen Erlebnissen habe ich Blut geleckt und eine Riesenlust noch andere Regionen dieses übergroßen Landes zu erkunden. Ohne Frage: in Indien braucht man Nerven und ich bin mir relativ sicher, dass bestimmt die Hälfte aller Berliner, die ich kenne, hier keine große Freude hätte wegen all des Schmutzes, des geordneten Chaos, des fehlenden Komforts und der Menschen, die einen schon mal zur Verzweiflung bringen können, aber wenn man sich damit arrangieren kann, ist dieses Land so unglaublich eigenartig anders und überraschend, dass sich eine Reise hierhin wirklich lohnt. Ich kann zwar noch lange nicht von mir behaupten, dass ich mir vorstellen könnte hier für mehr als die Zeit meines Praktikums zu leben, aber hierher zu kommen, hat sich irgendwie jetzt schon gelohnt.

Jetzt hoffe ich nur noch, dass ich bald wieder die Gelegenheit haben werde, auf eine Reise zu gehen und meine Wunschliste der Zielorte habe ich auch schon: Goa und seine Strände und Riesengarnelen, Sikkim, mitten im Himalaya eingeklemmt zwischen Nepal und Bhutan und Heimat des drittgrößten Berges der Welt, Kerala ganz im Süden mit seinem Dschungel, Delhi und den Taj Mahal und schliesslich liebend gerne noch die Andamanen, eine zu Indien gehörige Inselgruppe vor südlich von Burma, die vom Tsunami vor ein paar Jahren übel getroffen wurde, aber eine Unzahl einzigartiger Tier- und Pflanzenarten und unberührte Strände beherbergt. Hier gibt es also so einiges und obschon ich weiß, dass ich meine Erwartungen hoch gesteckt sind, kann ich es ja immerhin mal versuchen und das werde ich auch ;D

21 Oktober 2006

Kurze Meldung aus Udaipur

Wow! Und schon bin ich in Rahjastan, einem der angeblich schoensten Bundesstaaten Indiens, genauergesagt in Udaipur, dem ersten Stop meiner Reise, die naechste Woche Mittwoch wieder endet. Alles was ich bisher gesehen habe, hat die Behauptungen bestaetigt: es ist wirklich vielerorts bezaubernd schoen hier. Aber ich wollte eigentlich nur ein kurzes Lebenszeichen von mir geben, um dann naechste Woche ausfuehrlicher zu berichten... bis dann.

17 Oktober 2006

Guide to Riksha & Die Trägheit des Seins

Es ist Dienstag und ich habe mich gerade spontan entschlossen, mir mal einen ruhigen Tag im Hotel zu machen. Aber moment mal: Dienstag? Frei? Wie geht das denn? Ganz einfach: jeder Mitarbeiter von Tata, der Firma bei der ich arbeite, sollte wenn möglich einem Projekt zugeordnet werden. Bei den neu ankommenden ausländischen Praktikanten gestaltet sich das aber mitunter als eine sehr langatmige Prozedur. Der letzte deutsche Praktikant hatte die ersten 4 Wochen nichts zu tun, bis er endlich einem Projekt zugeordnet wurde! Ich meine, so schlimm ist das nicht, denn es gibt hier ja genug zu besichtigen, aber man muss nicht lange darüber nachdenken, um zum Schluss zu kommen, dass das natürlich keine optimale Lösung ist, zumindest für die Firma, die uns ja trotzdem bezahlt. Wie dem auch sei,die Frage ist ja, wie steht's um mich, was die Projekte betrifft? Nun ja, eigentlich sogar ziemlich gut. Die anderen Praktikanten waren sogar überrascht, dass für mich so schnell ein Projekt gefunden wurde. Ich kann jetzt nicht so viel im Detail darüber verlieren (aufgrund beruflicher Verschwiegenheitsklauseln), nur so viel: der Projektleiter will mich für sein Projekt, muss aber erst den Kunden (aus den USA) fragen und das hat er nun schon seit letzter Woche Donnerstag vor. Sprich: ich warte darauf, dass mich der Projektleiter anruft und sagt "Los geht's".

Aber warum braucht wohl der Projektleiter so lange, wenn es doch praktisch für ihn ist, eine Arbeitskraft so schnell wie möglich zu haben? Fragt mich nicht. Fakt ist: hier dauert alles immer sehr lange. Man brauch Geduld. Und wenn man selbst in Eile ist, dann muss man die Leute richtig aufdringlich belagern, bis sie endlich tun, was man von ihnen erwartet. Gestern z.B. war ich im Office am Nariman Point und wollte mir endlich meinen Mitarbeiter-Account (mit Email-Adresse und Datenbankzugang etc.) erstellen lassen. Ergebnis: meine Betreuerin Ramona hat etwa 8 mal die gleiche Zentrale, alle 20 Minuten erneut, angerufen, um schliesslich ein Ok zu bekommen, dass der Account heute, einen Tag später, fertig wird, was schon viel schneller ist als sonst. Wo jeder Deutsche am Telefon mit strapazierten Nerven gesagt hätte "Jetzt reicht's aber mal! Ich habe Ihnen schon 7 mal gesagt, dass das nicht vor nächster Woche geht.", stellt man hier erstaunt fest: Stress machen zahlt sich aus und wird einem auch nicht übel genommen. Man kann scheinbar Nicht-Vorgesetzten gegenüber auch ruhig mal etwas lauter werden, ohne gleich als despotischer, arroganter Tyrann dazustehen. Mir gefällt das ganz und gar nicht, weil ich einfach, solange ich nicht bis aufs Blut gereizt wurde, Hemmungen habe, mich anderen Menschen gegenüber unfreundlich zu verhalten. Aber vielleicht ist das hier eine gute Übung, auf einem Übungsplatz, auf dem einem ein Fehltritt nicht ganz so übel genommen wird. Auf jeden Fall meinte Ramona mit gewisser Genugtuung nachdem sie sich durchgesetzt hatte, das müsse man hier als Ausländer als erstes lernen: wenn man etwas will, dann muss man es durchsetzen. You have to be after it! Verlasse Dich niemals darauf, dass andere tun, was Du Ihnen gesagt hast, erzwinge es mehr oder weniger!

Etwas anderes, was ich mittlerweile hingegen schon ganz gut drauf habe, ist das Rikschafahren. Es braucht nicht viele Worte. Man nehme den Namen der Gegend, in die man möchte, plus einen bekannten Orientierungspunkt, denn die Rikschafahrer kennen auf keinen Fall alle Strassenamen, wie die Taxifahrer in Berlin es oft können. Dann gehe man zum Rikschafahrer und nenne diesem den Namen der Gegend und des Ortes und spreche diese mit einem indischen Akzent aus, sonst verstehen die nur Bahnhof. Danach wird der Rikschafahrer einen Kopfbewegung machen, die einem am Anfang nichts sagt. Wenn der Fahrer verstanden hat, wohin er muss, dann schwenkt er den Kopf leicht, wie ein Boot bei Sehgang. Anfangs sieht das aus, wie ein verneinen, ist es aber nicht. Es heißt: kein Problem, ich bring Dich dahin. Wenn es aber ein Nein ist, dann wird man ersteinmal angeguckt, noch mal nach dem Namen der Orte gefragt und dann folgt eine langsames, etwas ausladenderes Kopfschwenken, eigentlich fast dasselbe, aber weniger selbstbewusst. Kurz gesagt: wenn man gerade müde ist oder unaufmerksam, kann man es nicht auseinanderhalten. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, so schnell wie möglich die Orientierung in den für mich wichtigen Gegenden Mumbais zu gewinnen. Ich habe mir eine super detaillierte Karte von Mumbai besorgt und verfolge seitdem jeden Weg, den die Rikschafahrer nehmen, und trage wichtige Orientierungspunkte in der Karte ein. Seitdem ich nun auch links, rechts und geradeaus auf Hindi sagen kann, beginne ich immer öfter den Fahrern einfach den richtigen Weg zu weisen. Das ist die sicherste Variante, erfordert aber natürlich etwas Ortskenntnisse. Ich bin jedes mal stolz, wenn ich neue Gegenden in mein Gesamtbild der Stadt, wie in ein mentales Puzzle, einfügen kann. Es gibt mir ein Gefühl von mehr Sicherheit und Kontrolle. Wenn ich schon keine Termine planen kann, dann will ich wenigsten wissen, wo ich gerade bin.

Bei allem, was man tut, ist es praktisch, die Leute mit einem "Namasté" zu begrüßen und zu verabschieden. Da die meisten Inder miteinander oft in ruppigen Umgangsformen umgehen, sind sie jedesmal überrascht darüber, respektvoll behandelt zu werden, was viele sehr freut. Sprich: man macht sich damit zwar zum Exot, weil man den Leuten mit mehr Respekt begegnet als sie es gewohnt sind, aber weil sich viele dadurch geehrt fühlen, macht es sich ganz gut. Wenn ich als Inder immer "Namasté" sagen würde, würden mich vielleicht viele für bekloppt oder devot halten, weil ich "niederen Indern" wie z.B. Rikschafahrern gegenüber relativ gesehen zu freundlich wäre, aber mit dem mir anhaftenden Image des natürlich unwissenden Ausländers wird das "Namasté" ziemlich freudig angenommen. Es ist also in manchen Situationen auch ganz gut, offensichtlich Ausländer zu sein: zwar ist man natürlich das Ziel Nr. 1 jedes Bettlers und Kram-den-niemand-braucht-Verkäufers, andererseits reagieren die Menschen viel freudiger und dankbarer auf freundliche Gesten.

Jetzt gerade sitze ich übrigens in meinem Hotelzimmer unterm Ventilator und habe mir einen schönen Espresso mit der kleinen Espressokanne, die Nina mir zum Geburtstag geschenkt hat, gemacht. Der Espresso schmeckt tausend mal besser als das, was hier Kaffee genannt wird, und wirkt scheinbar auch 10 mal besser. Auf jeden Fall kann ich mit zitternden Fingern schneller tippen ;D Die Taschenlampe, die ich z.B. Geburtstag bekommen habe, ist zwar noch nicht zum Einsatz gekommen, aber das auch nur, weil ich hier bisher nur Stromausfälle am Tag erlebt habe! Jedes größere Bürogebäude hat seinen Generator, aber hier im Hotel habe ich nachmittags schon 2 Stromausfälle erlebt. Übrigens: schlimmer noch als Stromausfälle sind Wasserausfälle, die es hier im Sommer beiweilen geben soll. Ich hoffe, dass ich das nicht miterleben muss.

Und ach ja: was war eigentlich die letzten Tage so los? Genau, am Sonntag habe ich ausgeschlafen und bin dann mit Simon und Magda zu einem Treffen gegangen, welches die AISECer aus Mumbai für die ausländischen Praktikanten veranstaltet haben, einem Mini-Hindi-Kurs. Die Didaktik war nicht gerade sehr professionell und so blieb nicht viel hängen, aber lustig war es trotzdem. Wenn man als Frau von einem Mann zu sehr angeglotzt wird, sagt man (übersetzt) "Hast Du keine Mutter oder Schwester zuhause, die Du anglotzen kannst?!" Der Spruch soll wohl immer ziehen, ohne das man Angst haben muss, dass das Gegenüber aggressiv wird. Ich find ihn auf jeden Fall super ;D Nach dem Hindikurs sind wir wieder ins Hotel und ich habe mal den Kraftraum hier ausprobiert, der natürlich keinen hohen Standards genügt, aber für ein einigermassen ausgeglichenes Workout ausreicht. Danach bin ich ab in den Hotel gesprungen, von dem ich bisher gar nichts gewusst habe, der aber eigentlich echt ganz nett ist, 20 Meter lang, natürlich stark verchlort und mit einem einzigen Einwohner namens "Frosch", der wie Jesus auf der Wasserobefläche springen kann. Aber es ist schon toll unter Palmen nach einem extrem warmen Tag ein paar Bahnen im Wasser zu ziehen. Das entspannt und man vergisst ein wenig das Drumherum, was manchmal auch echt nötig ist. Jetzt muss ich mir nur noch eine Schwimmbrille besorgen, damit ich hier ohne Nackenkrämpfe (wegen Kopf-über-dem-Wasser-halten) auch mal etwas länger schwimmen kann ohne danach Kiffer-Augen zu haben.

Gestern, am Montag dann, bin ich zu dem Office gefahren, wo mir der Projektleiter gesagt hatte, dass ich angeblich ein Interview mit dem Kunden habe, damit dieser entscheiden könne, ob ich dabei sein kann. Ich war um 9 im Office, aber der besagte Projektleiter war noch nicht da. Also habe ich an einer Mitarbeiterschulung über das Human Resources Management der Firma teilgenommen und in der Bücherei des Offices ein bisschen was gelesen, bis ich den Projektleiter 3 Stunden später endlich antraf. Was hier echt gut ist, dass man als Mitarbeiter problemlos an etlichen Weiterbildungsmassnahmen teilnehmen kann, vorausgesetzt man hat die Zeit dafür. Die Bücherei war auch spitze ausgestattet, nur das Warten auf vereinbarte Termine ist ziemlich befremdlich. Als ich den Projektleiter dann traf, konnte er sich an die Sache mit dem Interview mit dem Kunden nicht mehr erinnern und sagte mir, er spreche mit diesem und lasse mich gegen 19 Uhr wissen, was das Ergebnis sei. Das Ergebnis war, dass ich abends nicht mehr angerufen wurde, weshalb ich heute auch immer noch frei habe. Tja, so läuft das hier.

Den nachmittag bin ich dann ins Zentrum und habe mir für 5 Euro das Stück ein paar traditionelle indische Hemden besorgt, die ich für meinen Rahjastan-Trip gut gebrauchen kann. Übrigens: diesen kommenden Donnerstag Abend geht es auch schon für 5 Tage los, ab in den Norden, in die Wüstenregion. Das wird mal wieder Abenteuer!

Heute morgen war ich übrigens im Krankenhaus, einem Krankenhaus mit dem Tata einen Extra-Vertrag für alle seine Mitarbeiter hat, das nicht weit vom Hotel weg in einer wohlhabenden Siedlung liegt und ziemlich pompös aussieht. Ich musste einen Bluttest machen lassen, weil ich meine Blutgruppe nicht mehr wusste und diese aber für meinen Mitarbeiterausweis benötige, der gleichzeitig eine Art Krankenkassenkarte enthält. Der Bluttest kostete umgerechnet etwa 1,50 Euro! Ich konnte mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen und fragte ich mich natürlich sofort, was hier andere Behandlungen wohl so kosten, sowas wie Augen-Lasern, Gesichtsbehandlung gegen Pickel, ein Auge auf dem Hinterkopf, nein, nein, jetzt wird's unernst. Auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass das Gesundheitssystem zumindest kostenmäßig armen-gerecht ist.

So, und jetzt noch ein paar Bilder für Euch... zuerst ein Bild vom Bahnhof. Was man nicht so gut erkennt sind die Leute, die aus den Türen hängen. Es kann durchaus krasser werden. Auf dem Zug, den man hier sieht, sassen auch ein paar Leute. Ich habe schon von einigen Praktis hier gehört, dass sie erlebt haben, wie Leute an die Oberleitung oder unter die Räder geraten sind. Sowas wie Sicherheit im Verkehr ist hier unbekannt. Andererseits: an der Tür zu hängen ist total angenehm wegen des frischen Fahrtwinds ;D



Und hier noch ein Blick aus dem Rikscha auf ein Slum unweit von meinem Hotel, nicht sehr schön. Den Müll überall erkennt man gut. Erstaunlich finde ich, dass die Einwohner stets ziemlich adrett gekleidet sind, in Anzughosen und Hemd.

15 Oktober 2006

Drunken Boat

Ein entspannter fünfter Tag, keine wichtigen Termine und einfach mal ausschlafen, dann einkaufen und schliesslich nachmittags ab zur Gate of India und eine große Gruppe AIESECer treffen, insgesamt vielleicht 80 Leute! Die Zeit dazwischen ging locker für die länglichen Rikshafahrten drauf, weil wir immer wieder im Stau stecken blieben. Aber zurück zu den AIESECern: ein deutscher AIESECer hat eine Bootstour vor der Gate of India organisiert, mit DJ und fetter Anlage an Bort. Was die Getränke betraf hiess es BYO, "bring your own". So viele Ausländer auf einem Haufen, ausgestattet mit indischem Starkbier und Lust auf Tanzen, das war richtig wohltuend. Ich habe gleich 5 Deutsche kennengelernt und konnte auch endlich mal wieder deutsch sprechen. Insgesamt ein spassiger Abend.

Auf dem Rückweg sind wir (wir sind übrigens Simon, ein Holländer, Magda, die Polin, Nino, mein italienischer Mitbewohner, und ein indischer Freund, alles Mitbewohner in dem Hotel hier) einen Kilometer mit einer Kutsche in Richtung Bahnhof gefahren, was in einen lautstarken, fast eskalierenden Streit mit dem Kutscher mündete, der exorbitante Summen von uns wollte. Zum Glück hatten wir einen Einheimischen dabei, der uns noch glimpflich aus der Sache raushauen konnte. Irgendwie war es das Erlebnis aber wert. Danach ging es ab in den Zug und nachhause.

Ein kleines Detail beendete den Abend dann aber noch mit einem kleinen Kloss im Hals. Als wir an unserem Zielbahnhof ankamen, spazierten völlig nüchtern zwei Sanitäter mit einer Bare und einer offensichtlich zugedeckten Leiche den Bahnsteig entlang. Es schien auch niemanden ausser uns zu interessieren. Das war ein bedrückendes Gefühl. Simon, der Holländer, hatte zwar recht als er sagte: "Guck Dich mal um, so wie die Leute hier leben, sterben hier täglich etliche an Unterernährung und Krankheiten", aber lieber wäre es mir trotzdem gewesen, es nicht zu sehen. Vielleicht habe ich bisher auch nur die Augen davor verschlossen, denn eigentlich will ich mich aus diesen Problemen raushalten. Kann man den Menschen hier überhaupt helfen als einzelner Westler? Die Frage stellte ich mir dann schon. Ich weiß aber noch keine Antwort darauf...

Ach ja, ich hab mich tierisch über Eure Blog-Kommentare gefreut. Da fühl ich mich gleich nicht mehr so weit von Euch weg. Hoch lebe Berlin!

14 Oktober 2006

Enttäuschungen und Spaß...

Gestern, am 13. Oktober, hatte ich schon wieder keinen wichtigen terminlichen Verpflichtungen nachzukommen und nahm mir vor, den Tag fürs Shopping zu nutzen. Nach ein bisschen Recherche in meinem Touriführerbuch entschied ich mich mir einfach gleich die "größte Shopping Mall" Mumbais vorzunehmen, die natürlich im mind. 1 Stunde Fahrweg entfernten südlichen Stadtzentrum liegt, aber an die langen Wege gewöhne ich mich schon langsam.

Meine Route zur Shopping Mall habe ich dann so gelegt, dass ich an den "dhobi gats", den öffentlichen Wäschereien vorbeikomme. Dort waschen hunderte von Menschen täglich Wäsche in kleinen Wasserbassins unter offenem Himmel und zwischen den die Bassins umgebenden Hütten hängen unzählige Wäscheleinen. Schon beeindruckend. Auf den ersten Blick sieht es wie ein Slum aus.



Ab den Wäschereien bin ich dann fast den gesamten restlichen Tag nur von einem Ort zum anderen gelaufen, um die Stadt einfach mal aus der Sicht der Leute zu erleben, die sich kein Taxi leisten können. Auf dem Weg zur Shopping Mall lagen mal wieder Verschläge, Hütten kann man es nicht nennen, direkt am Rande eines edlen Golfplatzes, natürlich durch eine Mauer getrennt. Solche Kontraste hat man hier überall. Zum Glück braucht man aber auch scheinbar echt keine Sorgen zu haben, zu Fuss durch die sehr armen Ecken Mumbais zu spazieren.

Die Shopping Mall selbst war erbärmlich. Erstens war sie nicht groß, vielleicht ein Drittel so groß wie eine normale Berliner Mall, zweitens waren 2 Drittel aller Geschäfte geschlossen und drittens waren alle geöffneten Geschäfte Edelmarkenläden. Etwas enttäuscht entschied ich mich nicht aufzugeben und die Shoppingtour zu einer Sightseeingroute umzubauen, die mich dennoch an Shops vorbeiführen sollte. Mittlerweile klebte natürlich mein Hemd schon wieder wie ein nasser Lappen an meinem Körper, aber das stört mich schon nicht mehr. Es geht allen so und Schweissflecken stören hier niemanden.

Schliesslich fand ich einen kleinen, schicken Modeladen, in dem ich mir einen weißen Anzug gönnte. Genauergesagt habe ich den Anzug noch nicht mitnehmen können, weil er tatsächlich erst massgeschneidert wird, aber das fand ich gerade gut. Auf meine Frage nach passenden Hemden hin, wurden mir dort keine Hemden, sondern ein großes Lager edler Stoffballen gezeigt. Auch die Hemden werden massgeschneidert. Nur zur Orientierung: der Laden war schon ein richtiger Upper-Class-Laden und ein massgeschneidertes Hemd kostet umgerechnet 20 Euro, mit Schnitt, Stoff und Knöpfen nach eigener Wahl. Einfache weiße Hemden beim Strassenhändler kosten um die 3 Euro. Anzüge gibt es ab 50 Euro, meiner kostet dann schon 150. Aber so ein geiles Teil hab ich noch nie besessen. Ich hoffe, dass der finale schnitt dann auch so gut ist, wie ich hoffe.

Glücklich verliess ich den Modeladen und ging auf dem Weg zum großen Strand Mumbais erstmal Mittagessen. In einem durchschnittlichen Restaurant, wie dem in dem ich auch war, zahlt man nicht mehr als 2 Euro für ein Essen. Wenn man an einer Bude an der Strasse ist, kostet ein ganzes Essen mit Getränken unter einem Euro, ist aber hygienisch bedenklich. Ein Essen besteht immer aus einer Sättigungsbeilage wie Chatpati (Brotpuffer), Reis oder Reisklössen und einem meist sehr flüssigen Gericht. Das einfachste Gericht heißt Dal und ist eine Art Erbsenbrei. Bisher habe ich hier nur vegetarisch gegessen, weil es billiger ist, trotzdem super schmeckt und auch noch gesund dazu. Apropos: ich habe hier bisher noch nie gekocht. Morgens gibt es Frühstück im Hotel, mittags gehe ich in irgendein Restaurant und abends esse ich meist auch im Hotel, was nicht teurer als ein Restaurant ist und auch super Essen zubereitet. Zu scharf ist das Essen eigentlich nie, es ist sogar milder als ich gedacht hatte. Schlimm war nur mein vorgestriges Frühstück im Hotel, als ich in einer Art Linsensuppe ein rundes, rotes Etwas mit großen Interesse in den Mund nahm und herzhaft draufbiss. Wie sich herausstellte handelte es sich um Sambal pur. Ja, genau das, woraus die scharfe rote Paste beim Chinesen gemacht wird. Das verschlug mir ganz schön den Atem, aber immerhin war ich danach wach.

Dann ging es weiter zum Strand Mumbais, der Chowpatty Beach, die an einer runden Bucht liegt, an derem anderen Ende die Hochhäuser vom Nariman Point liegen. Nachts bilden die Lichter der Häuser am Ufer den schönen Anblick eines glitzernden Halbkreises, weshalb die Bucht auch Necklace, Halskette, genannt wird. Am Strand bestand ein kleiner Bettlerjunge darauf, dass ich wenigstens ein Foto von ihm mache. Das Ergebnis ist ein wirklich schönes Foto, das hier hoffentlich zu sehen ist.



Bis zum Abend verschlug ich mir noch ein wenig die Zeit mit Shoppen und die anderen Praktis im Büro volllabern, um dann mit ihnen die Happy Hour einer westlichen Bar zu nutzen, wo es für jeden Pitcher Bier einen zweiten umsonst dazu gibt. Das war mein erstes mal Alkohol hier in Indien und ich war tierisch schnell angetrunken, aber ein frisches, kühles Bier ist echt toll bei der Affenhitze hier. Übrigens war es nur eine Männerrunde, bestehend aus 2 Rumäniern, 2 Holländern, 2 Deutschen und einem Italiener.



Gegen 22 Uhr entschieden wir uns weiter in den Norden der Stadt und in einen Club zu fahren. Ja, richtig gehört. Hier geht es in den Clubs schon ab 21 Uhr richtig los, weil um 1 Uhr Schluss ist. Das Erbe des Commonwealth. Den Club bezeichnete Nino, mein italienischer Zimmerkumpane, dann aber als "den traurigsten Ort", der er je erlebt habe, denn: ein indisches Lokal benötigt für jede Kleinigkeit eine behördliche Zulassung, auch fürs Tanzen. Und: der Club in dem wir waren hatte keine Tanzlizenz. Sprich: laute, groovige, übrigens westliche, 90er-Jahre-Musik, Drinks, aber keiner darf mehr als mit dem Kopf wippen. Nino war dann so ärgerlich, dass man es ihm richtig ansah, während ich und die anderen es mit Unverständnis, aber auch mit Humor aufnahmen und den Ordner mit etwas zu starken Körperbewegungen immer wieder reizten. Schliesslich wurde es dann doch langweilig und wir setzten uns alle in unsere Rikshas nach hause. Ein tolles Gefühl nach einem langen Tag in einem offenen Fahrzeug wie dem Riksha den frischen Fahrtwind zu geniessen und sich auf eine Dusche und sein Bett zu freuen... ein cooler Tag.

12 Oktober 2006

Etwas Freizeit

Wow. So langsam beginne ich mich immer öfter wohl zu fühlen. Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, kann ich langsam immer mehr Eindrücke mit Wohlwollen aufnehmen. Das Rikschfahren ist keine einzige Angst mehr, im Nirgendwo des Riesenmolochs Mumbai verloren zu gehen. Ich werde gelassener. Ich mache mir auch keinen Stress mehr, wenn ich zu einem Termin eine halbe Stunde zu spät komme. Erstens beschwert sich sowieso niemand drüber und zweitens kann man, wenn man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Rikscha fährt auch keinen Einfluss auf die Zeit nehmen, die man von A nach B braucht. Also was soll's. Am Ende kommt man an und das zählt.

Vorgestern, am 10. Oktober hatte ich noch allerlei Anmeldungskram bei Tata und bei der Ausländerbehörde zu tun, gestern, am 11. Oktober dann, war ich in einer anderen Tata-Zentrale (es gibt 5 verschiedene im großraum Mumbai), um dort den Leiter eines Projekts zu treffen, in dem ich möglichweise mitarbeiten soll. Nach einem Interview über meine Fertigkeiten und Erfahrungen, sagte mir der Projektleiter, dass er mich innerhalb der nächsten zwei Tage darüber informieren werde, ob ich mit von der Partie bin. Für mich bedeutete das: solange er nicht anruft, habe ich keine Termine zu erfüllen, und deshalb bin ich heute ein bisschen Sightseeing gegangen. Und, ach ja, zum besseren Verständnis. Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass mir ursprünglich gesagt würde, ich hätte zwei Wochen Mumbai Eingewöhnungszeit, dann 5 Wochen Training im Süden des Landes und dann würde ich erst einem Projekt zugeteilt. Aber nein, natürlich unterliegen auch solche Ansage natürlichen Schwankungen und so werde ich jetzt sofort einem Projekt zugeteilt und werde dann irgendwann im Verlaufe der ersten zwei Monate für eine Woche zum Training im Süden fahren. Also wurde ich mal wieder überrascht, aber das Leben hier scheint so zu sein wie Forrest Gump es schon sagte: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt. Nur hat er nicht erwähnt, dass nicht alle Pralinen auch schmecken müssen ;D

Meine Sightseeing-Tour heute war dann echt super. Die Zugfahrt kommt mir schon gar nicht mehr aussergewöhnlich vor. Man nehme einfach eine normale deutsche S-Bahn, verschmutze sie, ersetze alle Scheiben durch Gitter, reisse die Türen und die Polster von den Sitzen raus und, voilà, die indische S-Bahn ist komplett. Davon abgesehen aber ist es nicht so heavy. Anfangs hatte ich Angst die Stationen zu verpassen, Leuten, die mich gnadenlos zutexten nicht entfliehen zu können, oder einfach unangenehmen Körpergerüchen ausgesetzt zu sein, aber nichts von alledem. Eigentlich ist es ganz entspannt, ausser man nimmt einen der "schnellen" Züge, was ich dann heute auf dem Rückweg getan habe. Ich stieg am Kopfbahnhof ohne Probleme ein, aber das Aussteigen gestaltete sich als meine erste Crowd-Diving-Erfahrung. Bevor alle Leute ausgestiegen sind, stürmen von draussen schon wieder Massen neuer Leute herein. Man muss also wirklich Schubsen und springen. Um es zu schaffen, springen die ersten noch bei fahrendem Zug ab und die letzten können nur noch hoffen. Ich war hinten und habe mich dann einfach verzweifelt in die Masse geworfen, was niemanden störte und was gut funktionierte. Daraufhin schwor ich mir dennoch, in Zukunft dann doch lieber "langsame" Züge zu nehmen. Dennoch: ich hab's geschafft und mir innerlich auf die Schulter geklopft und gedacht, damit werden ich vor den anderen ausländischen Praktikanten protzen können. Cool!

Aber zurück zum Sightseeing: wenn man echt die typischen Touristenwege durch Süd-Mumbai nimmt, merkt man, was für Reize die Stadt doch hat. Alte britische Kolonialbauten an palmengesäumten breiten Flanierwegen. Ok, mittendrin immer wieder Obdachlose, die halb nackt und verschmutzt auf den Gehweg sitzen und schlafen oder sich kratzen, aber wenn man diese wegdenkt, würde ein normaler Europäer hier doch mit einem guten Gefühl wieder nach hause gehen und sagen: wow, echt schön hier. Sobald man aber wieder in eine Seitenstrasse einbiegt hat man auch wieder den Schmutz und die Armut, die man sonst überall sieht. Dennoch habe ich heute das erste mal meinen Tag wirklich genossen. Ich bin weniger ängstlich und gestresst und ohne feste Termine kann man hier echt auch ganz gut herumflanieren, vorausgesetzt man erträgt die drückende, schwüle Hitze.

Ach ja, cool war die Sache mit dem Armband. Das war nämlich so: am Gate of India, dem Wahrzeichen Mumbais, einem Arc de Triomphe, der aber am Meer steht und als Wahrzeichen für alle angekommenden Schiffe sichtbar sein sollte und auch ist, angekommen, wurde ich sofort von einem guru-like aussehenden Hindi in Beschlag genommen, der mir bunte Stoffstreifen um das Handgelenkt band und mir erklärte, dass diese Glück bringen, weil ja nächste Woche ein Fest zu Ehren Laxmis, der Göttin des Wohlstands, stattfinde. Natürlich wollte er auch ein Spende. Weil er so nett war, ich aber eigentlich gegen Spenden bin, gab ich im weniger noch als eine Spende, sagen wir: ein Futzel Anerkennung in Form von umgerechnet etwa 15 Cent. Das Problem war nun: mit dem Armband war ich scheinbar als blöder Tourist markiert, denn ab diesem Zeitpunkt wurde ich die Verkäufer nicht mehr los, bis ich es irgendwann entnervt abnahm, die Hauptouristenroute verlies und endlich meine Ruhe fand. Es tat mir etwas leid darum, denn irgendwie mochte ich das Band, aber die Ruhe war mir dann doch lieber.

Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass ich spontan von zwei AISEC-Praktikantinnen gefragt wurde, ob ich Lust habe, in einer Woche mit ihnen auf einen 5-Tage-Trip nach Rahjastan im Norden des Landes zu kommen. Leider hatte ich keine Gelegenheit das mit meinem möglichen zukünftigen Projektleiter zu besprechen, aber ich habe mir trotzdem mal die Tickets reserviert und hoffe nun, dass das spontan klappt. Zu dieser Reise erzähl ich dann ein ander mal mehr, nur kurz vielleicht: in Rajahstan liegt eine große Wüste, durch die wir auch eine eintägige Kamelsafari mit Übernachtung im Zelt planen. Könnte spannend werden. Spannend war dann aber auch die Zugreservierung bei der indischen Bahngesellschaft. Auf der Fahrt müssen wir fünf verschiedene Bahnen nehmen und natürlich musste ich für jede einzelne dieser Fahrten mal wieder ein Formular ausfüllen. Die Bürokratie hier ist echt verrückt. Immerhin hat man als Ausländer ein enormes Privileg: jeder Inder darf an einem Schalter immer nur 2 Formulare für folglich 2 Fahrtn abgeben und kann sich für weitere Formulare wieder hinten an der Schlange anstellen. Für Ausländer gibt es eine Extra-Schlange, bei der man gleich einen ganzen Haufen Formulare abgeben kann. Lustig finde ich, dass die Inder sich, was immer wieder deutlich zu Tage tritt, ihres teilweise verrückten Alltags bewusst sind, ihn zugeben und immer wieder liebenswürdig versuchen, die Ausländer da irgendwie rauszuhalten. Im Zug vorhin haben mir auch einige versucht beim Aussteigen zu helfen (letztendlich half es aber nichts und ich musste mir schon selbst helfen, aber die Tipps waren schon nützlich).

Soweit so gut. Jetzt noch ein paar Bilder und dann genug für heute.

Das ist das Air India Building am Nariman Point, dem Times Square von Mumbai, und die Zentrale von Tata hier in Mumbai. Ach ja, und das Ziel eines Bombenanschlages im Jahr 1996, beruhigend eigentlich.



Die Bucht südlich vom Nariman Point. Auch hier haben sich wie überall in alle kleinen freien Lücken Mini-Slums gebildet (die hier aber nicht zu sehen sind).



Das große Taj Mahal Hotel gebaut von J.N. Tata, dem Gründer der Firma bei der ich arbeite. Die Anekdote zu dem Hotel: der wohlhabende Geschäftsmann Tata war zu Besuch un Mumbai und wurde in ein britisches Luxushotel nicht eingelassen, weil er so indisch aussah. Daraufhin schwor er den Briten er werde ein Hotel bauen, das noch prunkvoller als alle anderen sei. Und wie man sieht hielt er sein Versprechen.



Zwischendurch gönnte ich mir in einem kleinen Park eine Pause. Ich kam mir vor wie im Dschungel.



Jetzt kommt die Gate of India, das Wahrzeichen Mumbais.



Gandhi, dem Vater der Nation, wurde natürlich auch ein Denkmal gesetzt.



Einer der zentralen Plätze von Mumbai. Ich liebe die britischen Kolonialbauten.



Mitten in der Stadt liegt ein Park, auf dem Cricket gespielt wird. Im Hintergrund sieht man den Highcourt von Mumbai, das wohl prunkvollste Gerichtsgebäude Indiens. Es soll volle Seriösität ausstrahlen, aber in einem Buch las ich, dass ein paar Steinmetze irgendwie im Inneren einen einäugigen Affen mit einer Wagschale in die Wand gehauen haben. Man kann sich denken, was das heissen soll.



Und zum Abschluss kauften Magda, Gabi und ich noch ein paar Süßigkeiten bei "Gaylord", einer schönen Bäckerei in Downtown-Mumbai. Geil oder? Den Namen Gaylord gibt es wirklich!!!

11 Oktober 2006

Das war erst der Anfang...

Es ist der 11. Oktober und ich bin heute etwas früher als gestern schon zuhause. Ich dachte mir diese Gelegenheit nutze ich noch für ein paar Anekdoten. Zum Beispiel, die vom Amerikaner Chris, den ich vorhin im Supermarkt traf und der mir auf meine Bemerkung hin, dass die Luft doch schon ziemlich verpestet sei, antwortete, dass der Herbst, kurz nach Monsun, die beste Jahreszeit bezüglich Luftverschmutzung sei. Das hat mich nicht so gefreut. Aber besser noch ist die Anekdote von der Fahrt zum Tata-Büro in Thane, einem Vorort von Mumbai.

Der Weg nach Thane: selbst ist der Mann, dachte ich mir, denn heute wagte ich mich alleine in die öffentlichen Verkehrsmittel. Gesagt getan. Bis zum Bahnhof ging alles prima. Dort angekommen musste ich feststellen, dass nirgendwo stand, welcher Zug in welche Richtung fährt, sondern es einfach alle wissen, alle ausser mir. Ich fragte also einen Inder, der mich natürlich gleich in den Zug in die entgegengesetzte Richtung verwies, den ich dann nach einer Station gleich wieder verlies. Am Zielbahnhof angekommen fand ich einen netten Rikshafahrer, der allerdings keinen Plan hatte und mich nach etwas scheinbar wirklich unfreiwilligem Kreuz-und-Quer-Fahren zum Tata-Büro in Thane brachte. Die Riksha-Fahrer sind da ganz pragmatisch. Am Anfang sagen sie, dass sie natürlich wissen, wo sie hinmüssen. Meistens wissen sie sogar die richtige Grundrichtung, aber wenn es dann ins Detail geht, haben die meisten keine Ahnung mehr, halten kurz neben einem Kollegen oder fragen diesen noch beim Fahren, ob der nicht bescheid weiß, und so ergibt sich dank geteiltem Wissen schliesslich ein immer genauerer Plan, wo man hin muss. Ok, ich verkniff mir den Ärger über die halbe Stunde Verspätung, die mir der Riksha-Fahrer durch sein Herumirren beschert hatte, und dachte mir: immerhin bin ich dort, wo ich hinwollte. Das ist doch schon mal was. Leider wurde mir dann im Tata-Büro gesagt, dass ich an das falsche Büro verwiesen wurde und mein Ansprechpartner in einem anderen Büro in einem anderen Stadtteil Mumbais zu finden sei. Der Rückweg gestaltete sich weniger problematisch aus zeitlicher Sicht, dafür lies mich der Taxifahrer finanziell schön bluten. Das funktioniert nämlich so: jeder Taxi- und jeder Riksha-Fahrer hat einen Taxometer. Kennt man ja. Aber: das Taxometer-Modell, das alle gleichsam benutzen, muss wohl aus den 50ern oder so stammen, denn es zeigt Preise an, die mindestens mit 10 multipliert werden müssen. Beim Riksha mal 10, beim Taxi mal 1,5 und beim Nachttaxi irgendwie fast 2, scheinbar gibt es noch weitere Tarifzonen. Für die Umrechnung haben dann alle Fahrer eine Tabelle dabei, auf der man dann nachguckt. Das Dumme, was ich gemacht habe: ich habe mir zwar die Tabelle zeigen lassen und den Taxometer auf seine Anfangsposition stellen lassen, aber ich habe nicht auf den Umrechnungskurs geschaut und der war ungünstig. Ich weiß nicht, ob er so teuer war, weil es keine Fahrt innerhalb der eigentlichen Grenzen Mumbais war, aber mir schwant, dass ich betrogen wurde. Das war mir dann aber auch langsam schon wieder egal, denn nach 2 Stunden indischem Verkehrschaos beginnt die Indifferenz-Phase. Ein guter Ausruck, oder?

Auf dem Rückweg vom Tata-Büro hatte ich dann wieder mal einen Riksha-Fahrer ohne Plan, der leider trotz fragen nichts rausholen konnte, und dessen Riksha ich dann irgendwann entnervt verlies. Das wagte ich aber auch nur, weil ich wusste, dass ich schon in der richtigen Gegend war und so könnte ich immerhin mal etwas Orientierung in der Umgebung des Hotels gewinnen. Aber nichts da: Strassen sind nicht beschriftet und jeder den man fragt, sagt, er wüsste wolang man soll, und zeigt einem den falschen Weg. Zum Glück fand ich dann einen Taxifahrer, der mich dann einfach doch hinfuhr, obwohl es sich, wie sich dann herausstellte, echt gleich um die Ecke war. Der Fahrer war total cool drauf und zeigte mir die wichtigen Orientierungspunkte falls ich noch einmal alleine in der Gegend herumspazieren wolle. Ach ja, und die Gegend: na ja, wenn man Wohngegenden in 5 Ebenen kategorisieren würde, dann läge die Umgegend des Hotels hier in etwa auf der vorletzten Stufe, genau über der Stufe "Slum". Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich hier Angst haben muss. Man wird zwar angeglotzt und von Kindern verfolgt, aber eher angelacht oder angelächelt als misstrauisch oder gar böse beäugt. Es ist schon faszinierend, dass so viele Menschen auf einer Stelle hocken und die Gegend so verkommen kann. Irgendwie drängt sich mir der Verdacht auf, dass es vielleicht besser wäre, wenn es hier kein Geld gebe, sondern wie im Mittelalter nur Waren getauscht würden und jeder sein kleines Stück Land hätte. Vielleicht sähe hier dann Alles blitze-blank aus. Arbeiter gibt es hier genug. Andererseits: in die Deutschland ist es ja auch nicht besser, da würde wohl auch niemand die Strasse putzen, ausser sie gehörte ihm. Jedenfalls fällt hier in Mumbai der extreme Unterschied zwischen reich und arm, zwischen schmutzig und glänzend auf. Die Firmengebäude, die Bürogebäude, die ich betreten habe, waren wie geleckt, kleine natürlich architektonisch einfach gehaltene Paläste, und gleich daneben, Kinder, die barfuss auf der vermüllten Strasse rumrennen. Und irgendwie sieht niemand so aus, als ob ihn der Kontrast jucken würde. Ein Glück haben hier nicht alle von Marx gelesen.

So, ich habe genug geschrieben. Den Rest sollen ein paar Bilder sagen, von denen es noch mehr geben wird in nächster Zeit, denn irgendwie habe ich immer ein komisches Gefühl, wenn ich die heruntergekommenen Ecken fotografieren will. Da komm ich mir wie ein Voyeur vor.

Mein Schlafzimmer. Ich teile mir Bett und Decke mit Nino. Hinten sieht man die Klimeanlage, ohne die wir kaum schlafen könnten. In Kombination mit dem Ventilator lässt es sich dann ganz gut ausruhen.



Als nächstes sieht man, was ich aus dem Fenster des Schlafzimmers sehe. Noch nicht fertig gebaute Häuser wie das im Hintergrund sieht man hier unentwegt. Die meisten sehen aus wie Bauruinen, aber da bin ich mir nicht so sicher.



Die nächsten drei Bilder habe ich in einem wohlhabenden Stadteil gleich um die Ecke gemacht. Hier grenzt wie schon gesagt arm an reich.





Und schliesslich das letzte Bild: eine Sicht aus dem Riksha, abends auf dem Highway. Ich habe das Foto "Tata is everywhere" genannt. Wie man sieht ist der Laster der vor uns steht von Tata. Ach ja, und vorhin habe ich Tata Tee im Supermarkt gesehen. Crazy!

Namasté aus Mumbai

Zuerstmal: Ja, hier laufen wirklich Kühe auf der Strasse rum, aber bevor ich schon vom Detail spreche fangen wir mal lieber vom Anfang an...

Topfit und um genau 5:00 Uhr morgens begann mein 09. Oktober 2006, der sagenumwobene Tag meiner Abreise. Robert und Nina quälten sich auch so früh mit raus, um mich zu verabschieden und so war es eine kleine aber enge Runde. Danke, dass Ihr beiden dabei wart. Das war echt schön.

Dann ging es los in den British-Airways-Flieger nach London. 2 Stunden Flug, 2 Stunden warten und weiter in den nächsten British-Airways-Flieger von London nach Mumbai (Bombay). Die von da an beginnenden 8 Stunden vertrieb ich mir, von zwei Indern eingeklemmt, einem fetten und einem netten, mit Filmen und landeskundlichen Diskussionen. Dummerweise war es schon dunkel, als der Flieger über den Iran, Pakistan und Indien segelte. Ich hätte das Alles schon gerne mal von oben gesehen. Schade. Andererseits hatte die Angelegenheit auch einen Vorteil, während ich zu deutscher Zeit gegen 20:00 Uhr ankam, war es in Mumbai bei Ankunft schon 0:30 und so stand ein kurzer Weg ins Bett in Aussicht... nach dem Abholen vom Flughafen.

Ach ja, das Abholen vom Flughafen. Gut dass ich von London noch mal in Mumbai angerufen habe, denn sonst hätte ich schön blöd, nämlich ohne jemanden der mich abholt, dagestanden. So aber waren es dann gleich 3 AIESECer, die mich abholten. Ich hatte schon etwas Sorge, dass ich sie in der extremen Menschenmasse am Flughafenausgang übersehen könnte, aber zum Glück wurde ich erkannt. Wahrscheinlich war meine Wahrnehmung auch etwas getrübt von der Hitzekeule, die mir mit extremer Tropfenluftfeuchtigkeit noch deutlich krasser als vermutet ins Gesicht schlug. Dann gings auch gleich ab in ein Taxi, das in Deutschland auch schon auf den ersten Blick von aussen nicht durch den TÜV gekommen wäre, aber zum Glück auch nie schneller als geschätzt 40 kmH wurde. Auf dem Weg, mitten auf den um diese Urzeit dann doch schon relativ menschenleeren Seitenstrasse stellte sich uns dann auch gleich eine Kuh in den Weg, kein besonders elegantes Exemplar seiner Sorte, aber unverkennbar kein Zwergelefant. Während mich einer der AISECer mit seinen echt bestaunenswerten Deutschlandkenntnissen zutextete, fragte ich mich schon, wo ich hier wohl gerade hingekarrt wurde, denn der Taxifahrer hatte keinen Plan wo wir hinmüssen und die AIESECer genau so wenig. Schliesslich fanden wir das Hotel dann in einer sehr schäbigen, halb nach einem Müllhaufen, halb nach einer Baustelle aussehenden Seitenstrasse. So richtig passte da das 15 stöckige Hochhaushotel nicht wirklich, aber an Kontrasten wird hier sowieso nicht gespart. Beim Betreten der Wohnung brannte dort noch Licht, denn das Zimmer teile ich mir mit Nino, einem Italiener, der zu diesem Zeitpunkt noch wach war. Die AIESECer gerieten vor Begeisterung über die Wohnung fast ausser Kontrolle, während ich mir auf den ersten Blick dachte: na gut, schlafen kann man hier ja gerade so. Das tat ich dann auch nach einem kurzen Chat mit den AISECern und Nino, der sich auch gerade hinlegen wollte. Immerhin hat mir die Klimaanlage im Zimmer einen guten Schlaf beschert, während ich mit der Bitte zum Schicksal einschlief, dass das hier Alles gut gehen möge.

Und dann begann der heutige Tag... um 6:45 Uhr, wieder einmal nach 5 Stunden schlaf, stand ich dank der Hitze und bereits am Himmel stehenden Sonne problemlos auf, duschte noch mal unter einem extrem überverchlorten Wasserstrom, packte mir ein Handgepäck für den Tag zusammen und ging zum Frühstück, wo ich mir gleich einen leckeren, extrem scharfen Kichererbsenbrei zum Eingewöhnen einverleibte. Nicht sehr frühstücklich, aber ziemlich lecker war das. Beim Frühstück traf ich, wie Nino mir am Abend zuvor angekündigt hatte, Magda, eine Polin, die hier auch ein Praktikum macht und sowieso ins Stadtzentrum von Mumbai wollte, wo ich ja auch hinmusste, um mich in der Firmenzentrale anzumelden. Und, nach dem Taxi der vorherigen Nacht war es mir irgendwie lieber mit jemandem zu fahren, der es schon einmal gemacht hat. Genau ab hier wurde es dann so richtig abenteuerlich. Die Riksha-Fahrt zum nächsten Bahnhof war sehr spassig, aber aus deutscher, verkehrsrechtlicher Sicht gelinde gesagt schon kriminell. Des Riksha-Fahrers bester Freund ist die Hupe, ohne die scheinbar nichts geht. Der hupt sogar, wenn kein Verkehrsteilnehmer im Weg ist, einfach damit man den satten Sound seiner geilen Hupe nicht vergisst. Der Weg zum Bahnhof kam einer Slumdurchquerung schon verdächtig nahe, aber am krassesten fand ich eigentlich die extreme Luftverschmutzung. So viele Abgase habe ich lange nicht mehr eingeatmet. Arg. Trotzdem glaubt man's kaum: die Riksha-Fahrt war irgendwie Fun. Gerne wieder, aber dann mit Gasmaske ;D Das auf dem Foto ist Magda im Riksha neben mir. Und das andere Bild hier beweist, dass man Smog sogar fotografieren kann (allerdings nur Nachts).

Ankunft Bahnhof. Es gibt zwei Sorten Züge, schnelle und langsame, und drei Sorten Abteile, für Frauen, für Männer und für Behinderte. Mein erster Versuch den schnellen Zug mit Magda, der Polin, zu besteigen, scheiterte an einer Meute von Frauen, die mich empört des Wagens verwiesen. Der Zweite scheiterte an den Behinderten, die allerdings im Gegensatz zu ihren bettelnden Kollegen auf der Strasse unversehrt wirkten. Das war es dann auch schon mit dem schnellen Zug, denn er hatte leider kein Männerabteil. Zum Glück aber offenbarte sich zum ersten mal die echt tolle Hilfsbereitschaft einiger Inder. Eine junge Frau, die meine Fehltritte beobachtet hatte, erklärte mir, dass ich den Zug am anderen Gleis nehmen solle und zwar einen langsamen, da ich beim schnellen keine Chance gegen die im Drängeln geübten indischen Männer habe. Ok, ich habe das mal nicht als Kritik an der Breite meiner Schulter, sondern als lieb gemeinten Tipp aufgefasst und habe mich also in den besagten Zug begeben, auch wenn ich so hoffen musste, dass Magda am Endbahnhof auf mich warten würde, um mir von dort den Weg zur Tata-Zentrale zu zeigen.

Nächstes Abenteuer: die Zugfahrt. Immerhin musste ich nicht drängeln, denn obwohl ich mit Platz- oder Berührungsangst wohl doof ausgesehen hätte, ging es ohne drohende Blicke oder Ellenbogeneinsatz. Im Gegenteil: obwohl die Leute sich unter sich manchmal schon fast schubsen, waren alle nett zueinander und dazu kam dann noch eine ganz tolle Sache: ich wurde fast von allen angelächelt. Ich meine: wann passiert so etwas einem Ausländer in Berlin mal? Ich vermute leider NIE! Interessanterweise sprach mich aber auch niemand an. Mir scheint, man ist mir hier zwar irgendwie neugierig interessiert und mit Freundlichkeit gegenüber eingestellt, aber es traut sich scheinbar keiner ein Gespräch zu beginnen. Es wirkte echt so, als ob die Leute schüchtern wären. Aber ehrlich gesagt, bei dieser ersten Bahnfahrt war mir das recht, denn ich wollte meine Aufmerksamkeit gerne durch die offenenen Türen, aus denen völlig entspannt Leute in Lebensgefahr raushängen, hindurch auf die vorbeiziehende Stadt legen, was ich dann so auch tun konnte. Kurz gesagt: die Stadt ist überbevölkert, schmutzig und bautechnisch ein einziges Chaos. Die Vorstellung bei diesen Anblicken, dass all diese Menschen so ihren Alltag verbringen, in einer so völlig anderen Welt, ist schon eigenartig und befremdlich. Und bei dem Anblick der baufälligen Hochhäuser, der selbstgebauten Hütten aus Holzlatten, Metallstreben und Stofffetzen und des ganzen Schmutzes konnte ich plötzlich die Begeisterung der AISECer, die mich vom Flughafen abgeholt hatten, über mein Hotelzimmer verstehen.

Am Endbahnhof angekommen erwartete mich zum Glück noch Magda, die schon befürchtet hatte, jemand hätte mich aus dem fahrenden Zug geworfen. Ich dachte mir nur im Stillen: wenn hier mal einer echt rausfällt und vom nächsten Zug überrollt wird, dann wäre das wohl keine indische Bild-Schlagzeile wert. Wie auch immer: völlig durchgeschwitzt (wer die Hitze nicht kennt möge im Berliner Botanischen Garten einmal durch das Tropenhaus spazieren) spazierten wir dann die letzten 10 Minuten zum Tata-Sitz am Times Square von Mumbai, dem Nariman Point, an dem sich die Hochhäuser der grossen Firmen aneinander reihen. Apropos: ich trug lange Anzughosen und ein langärmliges Hemd, besonder gemütlich bei der Hitze, es fehlte nur noch eine Krawatte. Und übrigens: auch downtown haben die Strassen und Fussgängerwege gefährliche Schlaglöcher und jeder wirft seinen Müll irgendwo hin. Aber was soll's, die Härte hatte ich vom Zug aus gesehen, da sah diese Gegend schon richtig protzig gegen aus.

Am Hochhaus angekommen durfte ich dann erstmal nicht rein, weil es rigide Sicherheitsvorschriften seit dem Terroranschlag auf die Mumbaier öffentlichen Verkehrsmittel letztes Jahr gibt. Nach einer Weile Chat mit dem netten Pförtner, der auch nichts dafür konnte, wurde mir dann endlich ein Besucherausweis ausgestellt, so dass ich reinkam. Im 10. Stock ging ich dann ins Tata Büro, in dem ein Drittel der Verwaltungsangestellten scheinbar AIESEC-Praktikanten sind. Das war nett, denn so klappte es mit der Kommunikation immerhin ziemlich gut. Ach ja: englisch ist zwar erste Amtssprache mit Hindi, aber sprechen tun es trotzdem bei weitem nicht alle Inder. Egal, auf jeden Fall habe ich erstmal eine Stunde lang Formulare ausgefüllt. Ich fragte mich noch: wozu all diese Bürokratie, die noch ausufernder als in Deutschland ist? Aber dann wurde mir klar, dass es sich in der Tat um minutiöse Planung handelte, denn gleich darauf kam im Auftrag von Tata ein Angestellter einer großen indischen Bankgesellschaft ins Büro, sackte ein Drittel der Formulare ein und händigte mir daraufhin eine Kreditkarte für mein dadurch neu erstelltes Girokonto inklusive Online-Banking und allem drum und dran aus. Nicht schlecht, dachte ich mir. Das nächste Drittel Dokumente war für Tata selbst bestimmt und das letzte, auch schon in weiser Voraussicht von den Angestellten überprüft, für die Ausländer-Registrierungsbehörde. Zu der wurde ich dann geschickt und zwar alleine...

Mein Irrweg durch Mumbai-Downtown... begann mit dem ersten Taxi, das ich bestieg. Magda hatte mir eine Skizze des Ortes, an dem sich die besagt Behörde befinden sollte, angefertigt, aber der eigentlich nicht englisch-sprechende Taxifahrer, machte mir natürlich mit allen möglichen Gesten klar, dass er natürlich Herr der Lage sei und genau verstanden habe und wüsste, wo es hin geht. Wusste er natürlich nicht und so fuhr er mich eine halbe Stunde lang genau in die falsche Richtung. Da er mich zu einem College fahren sollte, von wo aus ich laut Skizze weiterlaufen sollte, fuhr er mich immerhin auch zu einem College. Eine nette Studentin, die ich fragte, machte dann meinen Taxifahrer zur Sau und holte mir einen anderen herbei. Das war wieder einmal sehr nett, nur dem Taxifahrer gegenüber nicht, der mir, so zähneknirschend sich in seine Rostschüssel verkriechend, irgendwie trotz der falschen Fahrt leid tat. Der neue Taxifahrer wurde in einer mir unbekannten Sprache von der Studentin angewiesen und fuhr mich dann dankbarer Weise immerhin in die richtige Richtung, aber auch wieder zum falschen College. Wieder rettete mich ein Student, der sich einfach mit mir ins Taxi setzte und den Fahrer zum richtigen Ort lotste. Sowas Nettes habe ich echt lang nicht erlebt. Es lag zwar nicht auf meinem Weg, aber er meinte, der Gefallen sei es ihm wert. Wow, dacht ich mir und war glücklich nach etwas mehr als einer Stunde, anstatt der beabsichtigten 15 Minuten, am Ziel zu sein: der Ausländer-Registrierungsbehörde.

So viel Bürokratie wie in der Ausländer-Registrierungsbehörde von Mumbai habe ich noch nie erlebt. Warten, ein Dokument bei A bezahlen, abholen, zu B bringen, der einen wieder zum gleichen A zurück schickt, um ein weiteres Dokument zu kaufen und wieder vorbei zu bringen. Ich kam mir wie in einem schlecht designten Computerspiel mit dämlichen Aufgaben vor. Immerhin waren alle sehr freundlich zu mir, wohl auch weil ich mit meinem ständigen Lächeln einfach im Vorteil gegenüber anderen, wohl gemerkt auch ausländischen, Warte-Konkurrenten war. So hat das Ganze immerhin nur 3 Stunden gedauert und irgendwie war es trotz des behördenmässigen Spiessrutenlaufs gegenüber der Taxifahrt entspannend. Das Foto hier zeigt übrigens den Eingang eines kleinen Tempels, verziert mit allerlei Ganesh-Bildern, der gute, liebe Elefantengott, der allen Glück bringen soll.

Der Rest des Tages lässt sich in Kurzfassung folgendermassen beschreiben: Essen im eiskalt klimatisierten Restaurant, auf dem Rückweg nach hause immerhin einen Sitzplatz erkämpft, dann Riksha-Fahrt durch noch mehr Smog als am morgen und zuhause endlich unter die Dusche. Endlich frisches Wasser, keine durchgeschwitzten Sachen mehr, kein Smog, kein Gehupe, nur noch eben Blog schreiben und ab ins Bett. Und, ach ja, hier im Hotel gibt es WLAN, für einen für Inder zwar horrenden Preis, aber das muss schon sein, für Euch, aber auch, weil es mich irgendwie in Gedanken nach Berlin versetzt, wenn ich daran denke, wie Ihr diese Zeilen wohl lesen werdet. Trotz aller Dinge, die ich hier beklagt habe, ist es spannend und fordernd und ich gespannt, was mich morgen wieder erwartet. Jetzt aber erstmal wie ein Stein schlafen und erholen.