Seit Rahjastan keine Nachricht mehr vom Exil-Berliner! Was treibt er bloss? Ist er nun etwa auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung irgendwie im Himalaya verschollen? Nein, so kann ich Euch beruhigen: ich bin wohlauf, aber war die letzten Tage mit Arbeit beschäftigt und zudem nimmt die Masse neuer Eindrücke mit jedem weiteren Tag stetig ab und was Ihr vielleicht noch beeindruckend oder schockierend fändet, das finde ich, zumindest hier, schon normal. Ja, ich gewöhne mich an dieses eigenartig fremde Leben, auch wenn es deutlich unter meinem gewohnten Lebensstandard liegt.
Gestern blieb ich mal wieder in einem Stau stecken und neben meinem Riksha stand ein LKW, der natürlich trotz 15-minütigem Rumstehen seinen Motor nicht ausmachte und so das Riksha, in dem ich sass, mit Abgasen vollpumpte. Das erste mal in meiner Zeit hier habe ich mich vermummt, um meine Lunge und mein Hirn zu schonen. Die Rikshafahrer müssen hier mit 40 Jahren an Lungenkrebs sterben, denke ich mir in solchen Momenten immer.
Ach ja, warum eigentlich all der Stau? Liegt es nur an der schieren Menschenmasse? Nein, es liegt vor allem an der fehlenden Infrastruktur hier. Die Strassen sind weder an allen Stellen gleich breit, noch wirklich plan, sondern von allen Seiten angenagt und voller Schlaglöcher. Nicht nur die Abgase gehen auf die Lunge, sondern auch die Schlaglöcher auf die Wirbelsäule. Zwar ist hier jede Strasse an irgendeiner Stelle eine Baustelle, an der sie erweitert wird, aber wenn ein Teil fertig ist, muss der nächste gleich wieder erneuert werden. Da wird einem schlagartig bewusst, wie verwöhnt wir Deutschen mit unseren Strassen sind.
Apropos Stau: ich lese jeden Tag die Tageszeitung, die ich hier im Hotel allmorgendlich umsonst bekomme und neben den sich ständig wiederholenden Nachrichten von Exmafiosis, die auspacken wollten und dann auf offener Strasse von ihren Exkollegen hingerichtet wurden (die scheinbar einzige Art von Kriminalität, die es hier ausser Bestechlichkeit gibt), fand ich einen Artikel nach dem Motto "Ach ja, die guten alten Zeiten", in dem ein alter Mumbaier sich über die schlechten Verkehrsverhältnisse in der Stadt heutzutage beschwert. Ach ja, damals haben die Leute noch die Verkehrsregeln beachtet und man konnte über einen Zebrastreifen gehen. Nein, heute ist die Überquerung einer Strasse ein Spiessrutenlauf, bei dem man ernsthaft auf sein Leben achten muss. Immerhin führt der Stau zu niedrigen Geschwindigkeiten, mit denen gefahren wird, und wenn man den richtigen Moment abpasst, kommt man ohne vollgehupt zu werden sogar einigermassen über die Strasse. Ich bin darin schon richtig gut, hey!
Und ja, stimmt ja, ich arbeite jetzt. Toll, oder? Leider kann ich mich hier nicht en detail über die Arbeit auslassen, denn ich habe ja auch eine gewisse Verschwiegenheitspflicht, aber eines kann ich Euch sagen: es ist ein ziemliches Chaos und ich habe eine Aufgabe bekommen, von der ich Null Plan habe. Der Witz ist, dass ich immer noch besser als die meisten meiner Kollegen bin und letztendlich kann ich derzeit sogar ne Menge neuer Programmiertechniken lernen, die sich im Lebenslauf nicht allzu schlecht machen dürften. Etwas krass ist allerdings, dass ich das gerade vergangene Wochenende mal eben komplett durchgearbeitet habe, weil das Projekt, in dem ich bin, Ende November fertig sein muss. Dafür bekomm ich danach etwa ne Woche frei.
Die Arbeitsatmosphäre ist übrigens ganz nett. Zwar sitze ich einem absolut sterilen Grossraumbüro mit auf die schnelle aufgebauten Trennwänden und Arbeitsplätzen, aber die Kollegen sind sehr kommunikativ und fast die Hälfte der Zeit geht hier für die Meisten mit Unterhaltungen drauf. Ich bin hier auch einer der Ältesten, denn die Inder kommen mit etwa 21 aus der Uni und legen dann gleich loss. Das Alter merkt man aber auch vielen in ihrer noch etwas unsicheren Art an. Ausserdem ist die Kultur hier so, dass die Menschen gegenüber Vorgesetzten und Älteren sehr devot sind, was ich aus Deutschland so nicht kenne. Wenn man möchte, kann man hier womöglich richtig den Tyrann raushängen lassen, ohne auf grossen Widerstand zu stossen. Ein kleiner Nebeneffekt dieses gewissen Untertanentums ist, dass die Leute auch nur das zu machen scheinen, was ihnen der Vorgesetzte sagt, sonst aber einfach rumsitzen und warten, wobei ne Menge kostbarer Zeit drauf geht. Dennoch, ich mag meine Kollegen und wir lachen und scherzen viel und: ich habe mir schon jetzt das eigenartige indische Kopfnicken angewöhnt. Das muss ich mir in Deutschland dann aber ganz schnell wieder abgewöhnen!
Mein Büro befindet sich auf einem abgesperrten Gelände, was so eine Art Sonderwirtschaftszone ziemlich riesigen Ausmasses ist. Die hier ansässigen Unternehmen müssen weniger Steuern abdrücken und ausser Leuten die hier arbeiten, darf niemand das Gelände betreten. Und hier tritt wieder mal so eine ungewohnte Eigenart dieses Landes zu Tage: der absolute Securitywahn. Ich wette ein Drittel aller Arbeitskräfte in diesem Land sind Securityleute. Bei dieser Masse kann man sich allerdings auch leicht denken, dass die meisten nicht sehr kompetent sind und das führt dann dazu, dass diese Sicherheitsangestellten eigentlich nur stressen, aber meiner Meinung nach nicht viel bringen.
Beispiel besagte Sonderwirtschaftszone: es darf nur rein, wer einen Angestelltenpass hat. Da meiner noch in der Mache ist, bekomme ich derzeit noch täglich einen neuen Besucherschein, den ich mir jeden morgen bei einem Sicherheitsfutzi abholen muss, der aber nicht immer da ist. Also muss ich dann auch mal 15 Minuten am Eingang warten, bis besagter Mensch gemütlich angeschlendert kommt, um mich dann zu meinem grossen Verdruss aus purer Unsicherheit, was er mit mir Alien anfangen soll, lieber mit zum obersten Sicherheitsoffizier am anderen Ende des Geländes bringt, nur damit dieser ihm mit einem Kopfnicken bestätigt, dass ich hier ruhig arbeiten darf. Vielen Dank auch. Am Eingang wird dann auch meine Tasche gefilzt. Dabei wird sie eigentlich nur in die Hand genommen und ein wenig geschüttelt, damit man den Eindruck gewinnt, man mache hier seine Arbeit auch sachgemäss. Eigentlich kann ich da reinschleusen, was immer ich will.
Beispiel Downtown, Air India Building, das grösste Bürogebäude Mumbais: im Eingangsbereich gibt es eine Sicherheitsschranke und ein Fliessband für Taschen, wie am Flughafen. Jedes mal, wenn ich durchspaziere, pipt die Anlage, und die nicht erlaubte Kamera in meinem Rucksack interessiert den Sicherheitsmenschen hinter dem Scannermonitor nicht. Na fein, immerhin haben so mehr Menschen einen Job. ABM heisst sowas in Deutschland. Find ich gut.
Und sonst so, neben der Arbeit und der Zeit im Stau? Nun ja, ich versuche gerade wieder etwas mehr Sport zu treiben, indem ich fast täglich mehrere Bahnen im Hotelpool schwimme und langsam mein Lungenvolumen auf Vordermann bringen. Gleichzeitig mache ich alle 3 Tage etwas Training im kleinen Fitnessraum des Hotels. Bevor ich hierher kam, hatte ich fast zwei Monate lang nicht mehr regelmässig Sport getrieben und das muss jetzt geändert werden, auch wenn die Verhältnisse hier dafür nicht gerade wie geschaffen sind. Joggen oder Radfahren kann man hier eigentlich nicht und schicke Fitnessclubs sind hier sogar noch teurer als in Deutschland!
Überhaupt: die Preise für einige Dinge hier passen nicht ganz zu der Armut der breiten Masse. Grund und Boden sind in Mumbai teurer als in fast jeder europäischen Grossstadt und in den Reichengegenden kostet EIN Quadratmeter Wohnung monatlich zwischen 200-400 Euro Miete, in einer Wohnung in einem Hochhaus, denn Villengegenden gibt es hier aus Platzmangel nicht. Diese Zahl ist übrigens kein Witz, Leute! Ich habe das vor ein paar Tagen in der Tageszeitung gelesen. Warum, zum Teufel, dachte ich mir, ziehen solch reiche Menschen denn nicht lieber aufs Land in eine Villa und fliegen jeden morgen mit dem Hubschrauber zur Arbeit?! Oder man zieht gleich nach Europa, da ist luxuriöses Wohnen billiger und braucht keine Sorge zu haben, dass sich gleich neben seinem Haus spontan ein Slum ansiedelt. Verrückt!
Eine gute Geschichte zum Schluss: einer der anderen AIESEC-Praktikanten traf letzte Woche den Inhaber des Hotels, in dem ich hier wohne. Der kam gerade in seinem übetriebenen Mercedes vorgefahren und als er den Europäer erblickte, erkundigte er sich sofort, wie es ihm in seinem Hotel ergehe. Auf die Anmerkung, dass das Internet nicht funktioniere, wurde sofort ein Mitarbeiter zur Sau gemacht, und dann fragte er, wo denn die weibliche Begleitung des Praktikanten sei. Auf die Antwort, dass dieser eine Freundin zuhause habe, entgegnete der Hotelbesitzer, dass das ja kein Grund sei, sich keine schöne Inderin zu suchen und überreichte dem Praktikanten ein längliches Etui, welches zu dessen Überraschung eine goldene Damenarmbanduhr enthielt. Diese solle der Praktikant einer Inderin, die ihm gefalle, schenken, damit diese sich für ihn erwärme. Aha! Interessante Herangehensweise.
Ich habe übrigens noch nicht viele offensichtlich Superreiche erblickt. Die müssen sich wohl sonst eher in ihren Luxuswohnungen verstecken. Aber, es soll sie geben (und wenn ich auch noch so eine Uhr geschenkt bekomme, dann bekommst Du sie, Nina ;D ).
Und die traurige Nachricht zum Ende: gestern ist Indiens Cricketmannschaft gegen die Übermeister des Crickets, die Australier, aus dem Miniworldcup, der Champions Trophy, ausgeschieden. Die Strassen waren leergefegt. Ich sag Euch: Staatstrauer! Und weil es so ein trauriger Anlass ist, gibt es diesmal auch keine Fotos, dafür herzliche Grüße an Euch alle. I'm stay'n alive and continue providin u nice stories...
P.S.: Ich habe soeben Magdas Blog verlinkt. Dort gibt es noch mehr Fotos aus Indien und die interessante Feststellung, dass ich der "always-shopping-guy" bin. Hmmm, ok.
30 Oktober 2006
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