11 Oktober 2006

Das war erst der Anfang...

Es ist der 11. Oktober und ich bin heute etwas früher als gestern schon zuhause. Ich dachte mir diese Gelegenheit nutze ich noch für ein paar Anekdoten. Zum Beispiel, die vom Amerikaner Chris, den ich vorhin im Supermarkt traf und der mir auf meine Bemerkung hin, dass die Luft doch schon ziemlich verpestet sei, antwortete, dass der Herbst, kurz nach Monsun, die beste Jahreszeit bezüglich Luftverschmutzung sei. Das hat mich nicht so gefreut. Aber besser noch ist die Anekdote von der Fahrt zum Tata-Büro in Thane, einem Vorort von Mumbai.

Der Weg nach Thane: selbst ist der Mann, dachte ich mir, denn heute wagte ich mich alleine in die öffentlichen Verkehrsmittel. Gesagt getan. Bis zum Bahnhof ging alles prima. Dort angekommen musste ich feststellen, dass nirgendwo stand, welcher Zug in welche Richtung fährt, sondern es einfach alle wissen, alle ausser mir. Ich fragte also einen Inder, der mich natürlich gleich in den Zug in die entgegengesetzte Richtung verwies, den ich dann nach einer Station gleich wieder verlies. Am Zielbahnhof angekommen fand ich einen netten Rikshafahrer, der allerdings keinen Plan hatte und mich nach etwas scheinbar wirklich unfreiwilligem Kreuz-und-Quer-Fahren zum Tata-Büro in Thane brachte. Die Riksha-Fahrer sind da ganz pragmatisch. Am Anfang sagen sie, dass sie natürlich wissen, wo sie hinmüssen. Meistens wissen sie sogar die richtige Grundrichtung, aber wenn es dann ins Detail geht, haben die meisten keine Ahnung mehr, halten kurz neben einem Kollegen oder fragen diesen noch beim Fahren, ob der nicht bescheid weiß, und so ergibt sich dank geteiltem Wissen schliesslich ein immer genauerer Plan, wo man hin muss. Ok, ich verkniff mir den Ärger über die halbe Stunde Verspätung, die mir der Riksha-Fahrer durch sein Herumirren beschert hatte, und dachte mir: immerhin bin ich dort, wo ich hinwollte. Das ist doch schon mal was. Leider wurde mir dann im Tata-Büro gesagt, dass ich an das falsche Büro verwiesen wurde und mein Ansprechpartner in einem anderen Büro in einem anderen Stadtteil Mumbais zu finden sei. Der Rückweg gestaltete sich weniger problematisch aus zeitlicher Sicht, dafür lies mich der Taxifahrer finanziell schön bluten. Das funktioniert nämlich so: jeder Taxi- und jeder Riksha-Fahrer hat einen Taxometer. Kennt man ja. Aber: das Taxometer-Modell, das alle gleichsam benutzen, muss wohl aus den 50ern oder so stammen, denn es zeigt Preise an, die mindestens mit 10 multipliert werden müssen. Beim Riksha mal 10, beim Taxi mal 1,5 und beim Nachttaxi irgendwie fast 2, scheinbar gibt es noch weitere Tarifzonen. Für die Umrechnung haben dann alle Fahrer eine Tabelle dabei, auf der man dann nachguckt. Das Dumme, was ich gemacht habe: ich habe mir zwar die Tabelle zeigen lassen und den Taxometer auf seine Anfangsposition stellen lassen, aber ich habe nicht auf den Umrechnungskurs geschaut und der war ungünstig. Ich weiß nicht, ob er so teuer war, weil es keine Fahrt innerhalb der eigentlichen Grenzen Mumbais war, aber mir schwant, dass ich betrogen wurde. Das war mir dann aber auch langsam schon wieder egal, denn nach 2 Stunden indischem Verkehrschaos beginnt die Indifferenz-Phase. Ein guter Ausruck, oder?

Auf dem Rückweg vom Tata-Büro hatte ich dann wieder mal einen Riksha-Fahrer ohne Plan, der leider trotz fragen nichts rausholen konnte, und dessen Riksha ich dann irgendwann entnervt verlies. Das wagte ich aber auch nur, weil ich wusste, dass ich schon in der richtigen Gegend war und so könnte ich immerhin mal etwas Orientierung in der Umgebung des Hotels gewinnen. Aber nichts da: Strassen sind nicht beschriftet und jeder den man fragt, sagt, er wüsste wolang man soll, und zeigt einem den falschen Weg. Zum Glück fand ich dann einen Taxifahrer, der mich dann einfach doch hinfuhr, obwohl es sich, wie sich dann herausstellte, echt gleich um die Ecke war. Der Fahrer war total cool drauf und zeigte mir die wichtigen Orientierungspunkte falls ich noch einmal alleine in der Gegend herumspazieren wolle. Ach ja, und die Gegend: na ja, wenn man Wohngegenden in 5 Ebenen kategorisieren würde, dann läge die Umgegend des Hotels hier in etwa auf der vorletzten Stufe, genau über der Stufe "Slum". Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich hier Angst haben muss. Man wird zwar angeglotzt und von Kindern verfolgt, aber eher angelacht oder angelächelt als misstrauisch oder gar böse beäugt. Es ist schon faszinierend, dass so viele Menschen auf einer Stelle hocken und die Gegend so verkommen kann. Irgendwie drängt sich mir der Verdacht auf, dass es vielleicht besser wäre, wenn es hier kein Geld gebe, sondern wie im Mittelalter nur Waren getauscht würden und jeder sein kleines Stück Land hätte. Vielleicht sähe hier dann Alles blitze-blank aus. Arbeiter gibt es hier genug. Andererseits: in die Deutschland ist es ja auch nicht besser, da würde wohl auch niemand die Strasse putzen, ausser sie gehörte ihm. Jedenfalls fällt hier in Mumbai der extreme Unterschied zwischen reich und arm, zwischen schmutzig und glänzend auf. Die Firmengebäude, die Bürogebäude, die ich betreten habe, waren wie geleckt, kleine natürlich architektonisch einfach gehaltene Paläste, und gleich daneben, Kinder, die barfuss auf der vermüllten Strasse rumrennen. Und irgendwie sieht niemand so aus, als ob ihn der Kontrast jucken würde. Ein Glück haben hier nicht alle von Marx gelesen.

So, ich habe genug geschrieben. Den Rest sollen ein paar Bilder sagen, von denen es noch mehr geben wird in nächster Zeit, denn irgendwie habe ich immer ein komisches Gefühl, wenn ich die heruntergekommenen Ecken fotografieren will. Da komm ich mir wie ein Voyeur vor.

Mein Schlafzimmer. Ich teile mir Bett und Decke mit Nino. Hinten sieht man die Klimeanlage, ohne die wir kaum schlafen könnten. In Kombination mit dem Ventilator lässt es sich dann ganz gut ausruhen.



Als nächstes sieht man, was ich aus dem Fenster des Schlafzimmers sehe. Noch nicht fertig gebaute Häuser wie das im Hintergrund sieht man hier unentwegt. Die meisten sehen aus wie Bauruinen, aber da bin ich mir nicht so sicher.



Die nächsten drei Bilder habe ich in einem wohlhabenden Stadteil gleich um die Ecke gemacht. Hier grenzt wie schon gesagt arm an reich.





Und schliesslich das letzte Bild: eine Sicht aus dem Riksha, abends auf dem Highway. Ich habe das Foto "Tata is everywhere" genannt. Wie man sieht ist der Laster der vor uns steht von Tata. Ach ja, und vorhin habe ich Tata Tee im Supermarkt gesehen. Crazy!

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