11 Oktober 2006

Namasté aus Mumbai

Zuerstmal: Ja, hier laufen wirklich Kühe auf der Strasse rum, aber bevor ich schon vom Detail spreche fangen wir mal lieber vom Anfang an...

Topfit und um genau 5:00 Uhr morgens begann mein 09. Oktober 2006, der sagenumwobene Tag meiner Abreise. Robert und Nina quälten sich auch so früh mit raus, um mich zu verabschieden und so war es eine kleine aber enge Runde. Danke, dass Ihr beiden dabei wart. Das war echt schön.

Dann ging es los in den British-Airways-Flieger nach London. 2 Stunden Flug, 2 Stunden warten und weiter in den nächsten British-Airways-Flieger von London nach Mumbai (Bombay). Die von da an beginnenden 8 Stunden vertrieb ich mir, von zwei Indern eingeklemmt, einem fetten und einem netten, mit Filmen und landeskundlichen Diskussionen. Dummerweise war es schon dunkel, als der Flieger über den Iran, Pakistan und Indien segelte. Ich hätte das Alles schon gerne mal von oben gesehen. Schade. Andererseits hatte die Angelegenheit auch einen Vorteil, während ich zu deutscher Zeit gegen 20:00 Uhr ankam, war es in Mumbai bei Ankunft schon 0:30 und so stand ein kurzer Weg ins Bett in Aussicht... nach dem Abholen vom Flughafen.

Ach ja, das Abholen vom Flughafen. Gut dass ich von London noch mal in Mumbai angerufen habe, denn sonst hätte ich schön blöd, nämlich ohne jemanden der mich abholt, dagestanden. So aber waren es dann gleich 3 AIESECer, die mich abholten. Ich hatte schon etwas Sorge, dass ich sie in der extremen Menschenmasse am Flughafenausgang übersehen könnte, aber zum Glück wurde ich erkannt. Wahrscheinlich war meine Wahrnehmung auch etwas getrübt von der Hitzekeule, die mir mit extremer Tropfenluftfeuchtigkeit noch deutlich krasser als vermutet ins Gesicht schlug. Dann gings auch gleich ab in ein Taxi, das in Deutschland auch schon auf den ersten Blick von aussen nicht durch den TÜV gekommen wäre, aber zum Glück auch nie schneller als geschätzt 40 kmH wurde. Auf dem Weg, mitten auf den um diese Urzeit dann doch schon relativ menschenleeren Seitenstrasse stellte sich uns dann auch gleich eine Kuh in den Weg, kein besonders elegantes Exemplar seiner Sorte, aber unverkennbar kein Zwergelefant. Während mich einer der AISECer mit seinen echt bestaunenswerten Deutschlandkenntnissen zutextete, fragte ich mich schon, wo ich hier wohl gerade hingekarrt wurde, denn der Taxifahrer hatte keinen Plan wo wir hinmüssen und die AIESECer genau so wenig. Schliesslich fanden wir das Hotel dann in einer sehr schäbigen, halb nach einem Müllhaufen, halb nach einer Baustelle aussehenden Seitenstrasse. So richtig passte da das 15 stöckige Hochhaushotel nicht wirklich, aber an Kontrasten wird hier sowieso nicht gespart. Beim Betreten der Wohnung brannte dort noch Licht, denn das Zimmer teile ich mir mit Nino, einem Italiener, der zu diesem Zeitpunkt noch wach war. Die AIESECer gerieten vor Begeisterung über die Wohnung fast ausser Kontrolle, während ich mir auf den ersten Blick dachte: na gut, schlafen kann man hier ja gerade so. Das tat ich dann auch nach einem kurzen Chat mit den AISECern und Nino, der sich auch gerade hinlegen wollte. Immerhin hat mir die Klimaanlage im Zimmer einen guten Schlaf beschert, während ich mit der Bitte zum Schicksal einschlief, dass das hier Alles gut gehen möge.

Und dann begann der heutige Tag... um 6:45 Uhr, wieder einmal nach 5 Stunden schlaf, stand ich dank der Hitze und bereits am Himmel stehenden Sonne problemlos auf, duschte noch mal unter einem extrem überverchlorten Wasserstrom, packte mir ein Handgepäck für den Tag zusammen und ging zum Frühstück, wo ich mir gleich einen leckeren, extrem scharfen Kichererbsenbrei zum Eingewöhnen einverleibte. Nicht sehr frühstücklich, aber ziemlich lecker war das. Beim Frühstück traf ich, wie Nino mir am Abend zuvor angekündigt hatte, Magda, eine Polin, die hier auch ein Praktikum macht und sowieso ins Stadtzentrum von Mumbai wollte, wo ich ja auch hinmusste, um mich in der Firmenzentrale anzumelden. Und, nach dem Taxi der vorherigen Nacht war es mir irgendwie lieber mit jemandem zu fahren, der es schon einmal gemacht hat. Genau ab hier wurde es dann so richtig abenteuerlich. Die Riksha-Fahrt zum nächsten Bahnhof war sehr spassig, aber aus deutscher, verkehrsrechtlicher Sicht gelinde gesagt schon kriminell. Des Riksha-Fahrers bester Freund ist die Hupe, ohne die scheinbar nichts geht. Der hupt sogar, wenn kein Verkehrsteilnehmer im Weg ist, einfach damit man den satten Sound seiner geilen Hupe nicht vergisst. Der Weg zum Bahnhof kam einer Slumdurchquerung schon verdächtig nahe, aber am krassesten fand ich eigentlich die extreme Luftverschmutzung. So viele Abgase habe ich lange nicht mehr eingeatmet. Arg. Trotzdem glaubt man's kaum: die Riksha-Fahrt war irgendwie Fun. Gerne wieder, aber dann mit Gasmaske ;D Das auf dem Foto ist Magda im Riksha neben mir. Und das andere Bild hier beweist, dass man Smog sogar fotografieren kann (allerdings nur Nachts).

Ankunft Bahnhof. Es gibt zwei Sorten Züge, schnelle und langsame, und drei Sorten Abteile, für Frauen, für Männer und für Behinderte. Mein erster Versuch den schnellen Zug mit Magda, der Polin, zu besteigen, scheiterte an einer Meute von Frauen, die mich empört des Wagens verwiesen. Der Zweite scheiterte an den Behinderten, die allerdings im Gegensatz zu ihren bettelnden Kollegen auf der Strasse unversehrt wirkten. Das war es dann auch schon mit dem schnellen Zug, denn er hatte leider kein Männerabteil. Zum Glück aber offenbarte sich zum ersten mal die echt tolle Hilfsbereitschaft einiger Inder. Eine junge Frau, die meine Fehltritte beobachtet hatte, erklärte mir, dass ich den Zug am anderen Gleis nehmen solle und zwar einen langsamen, da ich beim schnellen keine Chance gegen die im Drängeln geübten indischen Männer habe. Ok, ich habe das mal nicht als Kritik an der Breite meiner Schulter, sondern als lieb gemeinten Tipp aufgefasst und habe mich also in den besagten Zug begeben, auch wenn ich so hoffen musste, dass Magda am Endbahnhof auf mich warten würde, um mir von dort den Weg zur Tata-Zentrale zu zeigen.

Nächstes Abenteuer: die Zugfahrt. Immerhin musste ich nicht drängeln, denn obwohl ich mit Platz- oder Berührungsangst wohl doof ausgesehen hätte, ging es ohne drohende Blicke oder Ellenbogeneinsatz. Im Gegenteil: obwohl die Leute sich unter sich manchmal schon fast schubsen, waren alle nett zueinander und dazu kam dann noch eine ganz tolle Sache: ich wurde fast von allen angelächelt. Ich meine: wann passiert so etwas einem Ausländer in Berlin mal? Ich vermute leider NIE! Interessanterweise sprach mich aber auch niemand an. Mir scheint, man ist mir hier zwar irgendwie neugierig interessiert und mit Freundlichkeit gegenüber eingestellt, aber es traut sich scheinbar keiner ein Gespräch zu beginnen. Es wirkte echt so, als ob die Leute schüchtern wären. Aber ehrlich gesagt, bei dieser ersten Bahnfahrt war mir das recht, denn ich wollte meine Aufmerksamkeit gerne durch die offenenen Türen, aus denen völlig entspannt Leute in Lebensgefahr raushängen, hindurch auf die vorbeiziehende Stadt legen, was ich dann so auch tun konnte. Kurz gesagt: die Stadt ist überbevölkert, schmutzig und bautechnisch ein einziges Chaos. Die Vorstellung bei diesen Anblicken, dass all diese Menschen so ihren Alltag verbringen, in einer so völlig anderen Welt, ist schon eigenartig und befremdlich. Und bei dem Anblick der baufälligen Hochhäuser, der selbstgebauten Hütten aus Holzlatten, Metallstreben und Stofffetzen und des ganzen Schmutzes konnte ich plötzlich die Begeisterung der AISECer, die mich vom Flughafen abgeholt hatten, über mein Hotelzimmer verstehen.

Am Endbahnhof angekommen erwartete mich zum Glück noch Magda, die schon befürchtet hatte, jemand hätte mich aus dem fahrenden Zug geworfen. Ich dachte mir nur im Stillen: wenn hier mal einer echt rausfällt und vom nächsten Zug überrollt wird, dann wäre das wohl keine indische Bild-Schlagzeile wert. Wie auch immer: völlig durchgeschwitzt (wer die Hitze nicht kennt möge im Berliner Botanischen Garten einmal durch das Tropenhaus spazieren) spazierten wir dann die letzten 10 Minuten zum Tata-Sitz am Times Square von Mumbai, dem Nariman Point, an dem sich die Hochhäuser der grossen Firmen aneinander reihen. Apropos: ich trug lange Anzughosen und ein langärmliges Hemd, besonder gemütlich bei der Hitze, es fehlte nur noch eine Krawatte. Und übrigens: auch downtown haben die Strassen und Fussgängerwege gefährliche Schlaglöcher und jeder wirft seinen Müll irgendwo hin. Aber was soll's, die Härte hatte ich vom Zug aus gesehen, da sah diese Gegend schon richtig protzig gegen aus.

Am Hochhaus angekommen durfte ich dann erstmal nicht rein, weil es rigide Sicherheitsvorschriften seit dem Terroranschlag auf die Mumbaier öffentlichen Verkehrsmittel letztes Jahr gibt. Nach einer Weile Chat mit dem netten Pförtner, der auch nichts dafür konnte, wurde mir dann endlich ein Besucherausweis ausgestellt, so dass ich reinkam. Im 10. Stock ging ich dann ins Tata Büro, in dem ein Drittel der Verwaltungsangestellten scheinbar AIESEC-Praktikanten sind. Das war nett, denn so klappte es mit der Kommunikation immerhin ziemlich gut. Ach ja: englisch ist zwar erste Amtssprache mit Hindi, aber sprechen tun es trotzdem bei weitem nicht alle Inder. Egal, auf jeden Fall habe ich erstmal eine Stunde lang Formulare ausgefüllt. Ich fragte mich noch: wozu all diese Bürokratie, die noch ausufernder als in Deutschland ist? Aber dann wurde mir klar, dass es sich in der Tat um minutiöse Planung handelte, denn gleich darauf kam im Auftrag von Tata ein Angestellter einer großen indischen Bankgesellschaft ins Büro, sackte ein Drittel der Formulare ein und händigte mir daraufhin eine Kreditkarte für mein dadurch neu erstelltes Girokonto inklusive Online-Banking und allem drum und dran aus. Nicht schlecht, dachte ich mir. Das nächste Drittel Dokumente war für Tata selbst bestimmt und das letzte, auch schon in weiser Voraussicht von den Angestellten überprüft, für die Ausländer-Registrierungsbehörde. Zu der wurde ich dann geschickt und zwar alleine...

Mein Irrweg durch Mumbai-Downtown... begann mit dem ersten Taxi, das ich bestieg. Magda hatte mir eine Skizze des Ortes, an dem sich die besagt Behörde befinden sollte, angefertigt, aber der eigentlich nicht englisch-sprechende Taxifahrer, machte mir natürlich mit allen möglichen Gesten klar, dass er natürlich Herr der Lage sei und genau verstanden habe und wüsste, wo es hin geht. Wusste er natürlich nicht und so fuhr er mich eine halbe Stunde lang genau in die falsche Richtung. Da er mich zu einem College fahren sollte, von wo aus ich laut Skizze weiterlaufen sollte, fuhr er mich immerhin auch zu einem College. Eine nette Studentin, die ich fragte, machte dann meinen Taxifahrer zur Sau und holte mir einen anderen herbei. Das war wieder einmal sehr nett, nur dem Taxifahrer gegenüber nicht, der mir, so zähneknirschend sich in seine Rostschüssel verkriechend, irgendwie trotz der falschen Fahrt leid tat. Der neue Taxifahrer wurde in einer mir unbekannten Sprache von der Studentin angewiesen und fuhr mich dann dankbarer Weise immerhin in die richtige Richtung, aber auch wieder zum falschen College. Wieder rettete mich ein Student, der sich einfach mit mir ins Taxi setzte und den Fahrer zum richtigen Ort lotste. Sowas Nettes habe ich echt lang nicht erlebt. Es lag zwar nicht auf meinem Weg, aber er meinte, der Gefallen sei es ihm wert. Wow, dacht ich mir und war glücklich nach etwas mehr als einer Stunde, anstatt der beabsichtigten 15 Minuten, am Ziel zu sein: der Ausländer-Registrierungsbehörde.

So viel Bürokratie wie in der Ausländer-Registrierungsbehörde von Mumbai habe ich noch nie erlebt. Warten, ein Dokument bei A bezahlen, abholen, zu B bringen, der einen wieder zum gleichen A zurück schickt, um ein weiteres Dokument zu kaufen und wieder vorbei zu bringen. Ich kam mir wie in einem schlecht designten Computerspiel mit dämlichen Aufgaben vor. Immerhin waren alle sehr freundlich zu mir, wohl auch weil ich mit meinem ständigen Lächeln einfach im Vorteil gegenüber anderen, wohl gemerkt auch ausländischen, Warte-Konkurrenten war. So hat das Ganze immerhin nur 3 Stunden gedauert und irgendwie war es trotz des behördenmässigen Spiessrutenlaufs gegenüber der Taxifahrt entspannend. Das Foto hier zeigt übrigens den Eingang eines kleinen Tempels, verziert mit allerlei Ganesh-Bildern, der gute, liebe Elefantengott, der allen Glück bringen soll.

Der Rest des Tages lässt sich in Kurzfassung folgendermassen beschreiben: Essen im eiskalt klimatisierten Restaurant, auf dem Rückweg nach hause immerhin einen Sitzplatz erkämpft, dann Riksha-Fahrt durch noch mehr Smog als am morgen und zuhause endlich unter die Dusche. Endlich frisches Wasser, keine durchgeschwitzten Sachen mehr, kein Smog, kein Gehupe, nur noch eben Blog schreiben und ab ins Bett. Und, ach ja, hier im Hotel gibt es WLAN, für einen für Inder zwar horrenden Preis, aber das muss schon sein, für Euch, aber auch, weil es mich irgendwie in Gedanken nach Berlin versetzt, wenn ich daran denke, wie Ihr diese Zeilen wohl lesen werdet. Trotz aller Dinge, die ich hier beklagt habe, ist es spannend und fordernd und ich gespannt, was mich morgen wieder erwartet. Jetzt aber erstmal wie ein Stein schlafen und erholen.

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