17 Oktober 2006

Guide to Riksha & Die Trägheit des Seins

Es ist Dienstag und ich habe mich gerade spontan entschlossen, mir mal einen ruhigen Tag im Hotel zu machen. Aber moment mal: Dienstag? Frei? Wie geht das denn? Ganz einfach: jeder Mitarbeiter von Tata, der Firma bei der ich arbeite, sollte wenn möglich einem Projekt zugeordnet werden. Bei den neu ankommenden ausländischen Praktikanten gestaltet sich das aber mitunter als eine sehr langatmige Prozedur. Der letzte deutsche Praktikant hatte die ersten 4 Wochen nichts zu tun, bis er endlich einem Projekt zugeordnet wurde! Ich meine, so schlimm ist das nicht, denn es gibt hier ja genug zu besichtigen, aber man muss nicht lange darüber nachdenken, um zum Schluss zu kommen, dass das natürlich keine optimale Lösung ist, zumindest für die Firma, die uns ja trotzdem bezahlt. Wie dem auch sei,die Frage ist ja, wie steht's um mich, was die Projekte betrifft? Nun ja, eigentlich sogar ziemlich gut. Die anderen Praktikanten waren sogar überrascht, dass für mich so schnell ein Projekt gefunden wurde. Ich kann jetzt nicht so viel im Detail darüber verlieren (aufgrund beruflicher Verschwiegenheitsklauseln), nur so viel: der Projektleiter will mich für sein Projekt, muss aber erst den Kunden (aus den USA) fragen und das hat er nun schon seit letzter Woche Donnerstag vor. Sprich: ich warte darauf, dass mich der Projektleiter anruft und sagt "Los geht's".

Aber warum braucht wohl der Projektleiter so lange, wenn es doch praktisch für ihn ist, eine Arbeitskraft so schnell wie möglich zu haben? Fragt mich nicht. Fakt ist: hier dauert alles immer sehr lange. Man brauch Geduld. Und wenn man selbst in Eile ist, dann muss man die Leute richtig aufdringlich belagern, bis sie endlich tun, was man von ihnen erwartet. Gestern z.B. war ich im Office am Nariman Point und wollte mir endlich meinen Mitarbeiter-Account (mit Email-Adresse und Datenbankzugang etc.) erstellen lassen. Ergebnis: meine Betreuerin Ramona hat etwa 8 mal die gleiche Zentrale, alle 20 Minuten erneut, angerufen, um schliesslich ein Ok zu bekommen, dass der Account heute, einen Tag später, fertig wird, was schon viel schneller ist als sonst. Wo jeder Deutsche am Telefon mit strapazierten Nerven gesagt hätte "Jetzt reicht's aber mal! Ich habe Ihnen schon 7 mal gesagt, dass das nicht vor nächster Woche geht.", stellt man hier erstaunt fest: Stress machen zahlt sich aus und wird einem auch nicht übel genommen. Man kann scheinbar Nicht-Vorgesetzten gegenüber auch ruhig mal etwas lauter werden, ohne gleich als despotischer, arroganter Tyrann dazustehen. Mir gefällt das ganz und gar nicht, weil ich einfach, solange ich nicht bis aufs Blut gereizt wurde, Hemmungen habe, mich anderen Menschen gegenüber unfreundlich zu verhalten. Aber vielleicht ist das hier eine gute Übung, auf einem Übungsplatz, auf dem einem ein Fehltritt nicht ganz so übel genommen wird. Auf jeden Fall meinte Ramona mit gewisser Genugtuung nachdem sie sich durchgesetzt hatte, das müsse man hier als Ausländer als erstes lernen: wenn man etwas will, dann muss man es durchsetzen. You have to be after it! Verlasse Dich niemals darauf, dass andere tun, was Du Ihnen gesagt hast, erzwinge es mehr oder weniger!

Etwas anderes, was ich mittlerweile hingegen schon ganz gut drauf habe, ist das Rikschafahren. Es braucht nicht viele Worte. Man nehme den Namen der Gegend, in die man möchte, plus einen bekannten Orientierungspunkt, denn die Rikschafahrer kennen auf keinen Fall alle Strassenamen, wie die Taxifahrer in Berlin es oft können. Dann gehe man zum Rikschafahrer und nenne diesem den Namen der Gegend und des Ortes und spreche diese mit einem indischen Akzent aus, sonst verstehen die nur Bahnhof. Danach wird der Rikschafahrer einen Kopfbewegung machen, die einem am Anfang nichts sagt. Wenn der Fahrer verstanden hat, wohin er muss, dann schwenkt er den Kopf leicht, wie ein Boot bei Sehgang. Anfangs sieht das aus, wie ein verneinen, ist es aber nicht. Es heißt: kein Problem, ich bring Dich dahin. Wenn es aber ein Nein ist, dann wird man ersteinmal angeguckt, noch mal nach dem Namen der Orte gefragt und dann folgt eine langsames, etwas ausladenderes Kopfschwenken, eigentlich fast dasselbe, aber weniger selbstbewusst. Kurz gesagt: wenn man gerade müde ist oder unaufmerksam, kann man es nicht auseinanderhalten. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, so schnell wie möglich die Orientierung in den für mich wichtigen Gegenden Mumbais zu gewinnen. Ich habe mir eine super detaillierte Karte von Mumbai besorgt und verfolge seitdem jeden Weg, den die Rikschafahrer nehmen, und trage wichtige Orientierungspunkte in der Karte ein. Seitdem ich nun auch links, rechts und geradeaus auf Hindi sagen kann, beginne ich immer öfter den Fahrern einfach den richtigen Weg zu weisen. Das ist die sicherste Variante, erfordert aber natürlich etwas Ortskenntnisse. Ich bin jedes mal stolz, wenn ich neue Gegenden in mein Gesamtbild der Stadt, wie in ein mentales Puzzle, einfügen kann. Es gibt mir ein Gefühl von mehr Sicherheit und Kontrolle. Wenn ich schon keine Termine planen kann, dann will ich wenigsten wissen, wo ich gerade bin.

Bei allem, was man tut, ist es praktisch, die Leute mit einem "Namasté" zu begrüßen und zu verabschieden. Da die meisten Inder miteinander oft in ruppigen Umgangsformen umgehen, sind sie jedesmal überrascht darüber, respektvoll behandelt zu werden, was viele sehr freut. Sprich: man macht sich damit zwar zum Exot, weil man den Leuten mit mehr Respekt begegnet als sie es gewohnt sind, aber weil sich viele dadurch geehrt fühlen, macht es sich ganz gut. Wenn ich als Inder immer "Namasté" sagen würde, würden mich vielleicht viele für bekloppt oder devot halten, weil ich "niederen Indern" wie z.B. Rikschafahrern gegenüber relativ gesehen zu freundlich wäre, aber mit dem mir anhaftenden Image des natürlich unwissenden Ausländers wird das "Namasté" ziemlich freudig angenommen. Es ist also in manchen Situationen auch ganz gut, offensichtlich Ausländer zu sein: zwar ist man natürlich das Ziel Nr. 1 jedes Bettlers und Kram-den-niemand-braucht-Verkäufers, andererseits reagieren die Menschen viel freudiger und dankbarer auf freundliche Gesten.

Jetzt gerade sitze ich übrigens in meinem Hotelzimmer unterm Ventilator und habe mir einen schönen Espresso mit der kleinen Espressokanne, die Nina mir zum Geburtstag geschenkt hat, gemacht. Der Espresso schmeckt tausend mal besser als das, was hier Kaffee genannt wird, und wirkt scheinbar auch 10 mal besser. Auf jeden Fall kann ich mit zitternden Fingern schneller tippen ;D Die Taschenlampe, die ich z.B. Geburtstag bekommen habe, ist zwar noch nicht zum Einsatz gekommen, aber das auch nur, weil ich hier bisher nur Stromausfälle am Tag erlebt habe! Jedes größere Bürogebäude hat seinen Generator, aber hier im Hotel habe ich nachmittags schon 2 Stromausfälle erlebt. Übrigens: schlimmer noch als Stromausfälle sind Wasserausfälle, die es hier im Sommer beiweilen geben soll. Ich hoffe, dass ich das nicht miterleben muss.

Und ach ja: was war eigentlich die letzten Tage so los? Genau, am Sonntag habe ich ausgeschlafen und bin dann mit Simon und Magda zu einem Treffen gegangen, welches die AISECer aus Mumbai für die ausländischen Praktikanten veranstaltet haben, einem Mini-Hindi-Kurs. Die Didaktik war nicht gerade sehr professionell und so blieb nicht viel hängen, aber lustig war es trotzdem. Wenn man als Frau von einem Mann zu sehr angeglotzt wird, sagt man (übersetzt) "Hast Du keine Mutter oder Schwester zuhause, die Du anglotzen kannst?!" Der Spruch soll wohl immer ziehen, ohne das man Angst haben muss, dass das Gegenüber aggressiv wird. Ich find ihn auf jeden Fall super ;D Nach dem Hindikurs sind wir wieder ins Hotel und ich habe mal den Kraftraum hier ausprobiert, der natürlich keinen hohen Standards genügt, aber für ein einigermassen ausgeglichenes Workout ausreicht. Danach bin ich ab in den Hotel gesprungen, von dem ich bisher gar nichts gewusst habe, der aber eigentlich echt ganz nett ist, 20 Meter lang, natürlich stark verchlort und mit einem einzigen Einwohner namens "Frosch", der wie Jesus auf der Wasserobefläche springen kann. Aber es ist schon toll unter Palmen nach einem extrem warmen Tag ein paar Bahnen im Wasser zu ziehen. Das entspannt und man vergisst ein wenig das Drumherum, was manchmal auch echt nötig ist. Jetzt muss ich mir nur noch eine Schwimmbrille besorgen, damit ich hier ohne Nackenkrämpfe (wegen Kopf-über-dem-Wasser-halten) auch mal etwas länger schwimmen kann ohne danach Kiffer-Augen zu haben.

Gestern, am Montag dann, bin ich zu dem Office gefahren, wo mir der Projektleiter gesagt hatte, dass ich angeblich ein Interview mit dem Kunden habe, damit dieser entscheiden könne, ob ich dabei sein kann. Ich war um 9 im Office, aber der besagte Projektleiter war noch nicht da. Also habe ich an einer Mitarbeiterschulung über das Human Resources Management der Firma teilgenommen und in der Bücherei des Offices ein bisschen was gelesen, bis ich den Projektleiter 3 Stunden später endlich antraf. Was hier echt gut ist, dass man als Mitarbeiter problemlos an etlichen Weiterbildungsmassnahmen teilnehmen kann, vorausgesetzt man hat die Zeit dafür. Die Bücherei war auch spitze ausgestattet, nur das Warten auf vereinbarte Termine ist ziemlich befremdlich. Als ich den Projektleiter dann traf, konnte er sich an die Sache mit dem Interview mit dem Kunden nicht mehr erinnern und sagte mir, er spreche mit diesem und lasse mich gegen 19 Uhr wissen, was das Ergebnis sei. Das Ergebnis war, dass ich abends nicht mehr angerufen wurde, weshalb ich heute auch immer noch frei habe. Tja, so läuft das hier.

Den nachmittag bin ich dann ins Zentrum und habe mir für 5 Euro das Stück ein paar traditionelle indische Hemden besorgt, die ich für meinen Rahjastan-Trip gut gebrauchen kann. Übrigens: diesen kommenden Donnerstag Abend geht es auch schon für 5 Tage los, ab in den Norden, in die Wüstenregion. Das wird mal wieder Abenteuer!

Heute morgen war ich übrigens im Krankenhaus, einem Krankenhaus mit dem Tata einen Extra-Vertrag für alle seine Mitarbeiter hat, das nicht weit vom Hotel weg in einer wohlhabenden Siedlung liegt und ziemlich pompös aussieht. Ich musste einen Bluttest machen lassen, weil ich meine Blutgruppe nicht mehr wusste und diese aber für meinen Mitarbeiterausweis benötige, der gleichzeitig eine Art Krankenkassenkarte enthält. Der Bluttest kostete umgerechnet etwa 1,50 Euro! Ich konnte mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen und fragte ich mich natürlich sofort, was hier andere Behandlungen wohl so kosten, sowas wie Augen-Lasern, Gesichtsbehandlung gegen Pickel, ein Auge auf dem Hinterkopf, nein, nein, jetzt wird's unernst. Auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass das Gesundheitssystem zumindest kostenmäßig armen-gerecht ist.

So, und jetzt noch ein paar Bilder für Euch... zuerst ein Bild vom Bahnhof. Was man nicht so gut erkennt sind die Leute, die aus den Türen hängen. Es kann durchaus krasser werden. Auf dem Zug, den man hier sieht, sassen auch ein paar Leute. Ich habe schon von einigen Praktis hier gehört, dass sie erlebt haben, wie Leute an die Oberleitung oder unter die Räder geraten sind. Sowas wie Sicherheit im Verkehr ist hier unbekannt. Andererseits: an der Tür zu hängen ist total angenehm wegen des frischen Fahrtwinds ;D



Und hier noch ein Blick aus dem Rikscha auf ein Slum unweit von meinem Hotel, nicht sehr schön. Den Müll überall erkennt man gut. Erstaunlich finde ich, dass die Einwohner stets ziemlich adrett gekleidet sind, in Anzughosen und Hemd.

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