28 Dezember 2006

Heimliche Herrscher und Neujahrsmassaker!

Martialischer Titel, ich weiss, aber nachdem ich in meinen letzten Blogeintraegen ja mehr ueber mich berichtet habe als ueber den Indischen Alltag, will ich heute mal wieder ein paar kleine Anekdoten aus dem verrueckten Grossstadtleben des Uebermolochs Mumbai fuer Euch schreiben und damit Ihr es durchhaltet beginnt das Ganze eben mit diesem hoffentlich Neugier weckenden Titel...

"Die Deutschen muessen wieder das Toeten lernen!" So oder so aehnlich lautete ein Zitat von ein paar Nordamerikanischen Diplomaten, das ich vor ein paar Wochen im Internet aufgriff. Die Hintergrundgeschichte war, dass ein Haufen kanadischer Soldaten in Afgahnistan ins Kreuzfeuer von irgendwelchen verrueckten Rebellen geriet und, weil die Deutschen keine Erlaubnis fuer Einsaetze in dieser Gegend hatten und deswegen nicht eingriffen, verloren mehrere Kanadier ihr Leben. Ehrlich gesagt: Diskussion hin und her, ich bin stolz, dass "wir Deutschen" scheinbar "das Toeten verlernt haben" und so habe ich dieses Zitat mit einer gewissen Freude aufgenommen, als Bestaetigung, dass wir aus der Geschichte was gelernt haben, auch wenn das nicht bedeutet, dass es mir fuer die kanadischen Soldaten nicht leid tut.

Was aber hat das Ganze mit Indien zu tun? Nun ja, nicht viel. Vielleicht stellten sich ein paar Leute die Frage: wo waren eigentlich die Deutschen, als es rund ging? Und wenn ich nun bald ueber Neujahr in Goa bin, dann wird sich vielleicht manch ein Tierschuetzer fragen: wo war eigentlich Robert zum Neuhjahrsmassaker? Haette er nicht eingreifen koennen? Aber ich sollte vielleicht einen Gang zurueckschalten und Euch aufklaeren, worum es hier eigentlich geht...

Alles fing am 24. Dezember an, als ich mein Haus verliess und durch die slumartigen Strassen, die es umgeben, spazierte. Da kam mir ein Haufen Kinder mit zwei Riesenziegen entgegen. Ja, Riesenziegen! Keine Ahnung, wo die diese Mutanten her hatten, aber so grosse Ziegen habe ich noch nie gesehen! Leider hatte ich keine Kamera dabei, um diese Wesen aufzunehmen, aber ich sage Euch: mit ihren bunt gefaerbten Maehnen und glaenzendem kronenartigem Hoernerschmuck sahen sie aus wie echte Koenige ihrer Art. Nun, man muss nicht lange raten, was diese Ziegen zu einem Feiertag wie dem 24. erwartete... richtig, der suesse Tod.

Etwas komisch, dass hier ueberhaupt Weihnachten gefeiert wird, wo es hier doch vor allem Hindus gibt. Aber wartet mal: seit wann essen denn Hindus Fleisch bzw. Ziegen? Das klingt nicht nur komisch, sondern ist in den meisten Faellen auch falsch. Moeglich ist die Geschichte mit den Ziegen aber, weil die Gegend, in der ich wohne, eine Moslemgegend ist. Hier wimmelt es nur so von Frauen in Burka oder Schador und Maennern mit dieser typisch muslimischen Kopfbedeckung (eine weisse handgewebte Stoffkappe) und in genauer Sichtlinie unseres Hauses steht auch die groesste Moschee der Umgegend. Fuer mich hat das nur einen, anfangs leidlichen, Nebeneffekt: natuerlich teilt man seine Froemmigkeit mit der ganzen Umgegend, indem zu den Gebetszeiten die Lautstaerke aufgedreht und laut zu Allah gefleht wird, was irgendwie immer wieder wie ein unglueckliches Wehklagen klingt und vor allem um 6 Uhr morgens ein wenig gewohenungsbefuertig ist. Mittlerweile aber wache ich davon schon nicht mehr auf, muss nur immer ein bisschen Schmunzeln, wenn dieses unpassende Trauerklagen die Strassen erfuellt.

Aber zurueck zu den Ziegen... Warum denn ueberhaupt zu Weihnachten? Nun, das habe ich auch noch nicht herausgefunden, Fakt ist aber: es ist ein Feiertag und das freut bekanntlich jeden, egal welcher Religion sie/er auch angehoert. Jetzt kommt es aber Dicke fuer die armen Ziegen: Neujahr ist natuerlich ein besonders grosses Fest und so stellte ich den letzten Tage eine verstaerke Ziegenzuwanderung in meiner Umgebung fest. Nahezu an jeder steht nun eine bunt geschmueckte Ziege und weiss nicht, was sie erwartet. In unserem Haus wurde der Fitnessraum im Erdgeschoss nun in einen Ziegenstall umfunktioniert, damit die aussergewoehnlichen Einwanderer dort noch ein paar komfortable Tage geniessen koennen. Und am 1. Januar, wenn dann die Strassen in Blut getraenkt wurden, stellt sich der Tierschuetzer vielleicht die Frage: wo war Robert, als die Ziegen massakriert wurden?

Nun ja, ich werde heute abend mit einer lustigen Gruppe Praktikanten in einen Bus steigen, um 14 Stunden und ueber Nacht nach Goa zu fahren. Und bevor ich mich auf den Weg mache, wollte ich noch mal von mir hoeren lassen. Und uebrigens: Goa ist christlich gepraegt, weil es eine portugisiesche Provinz war. Ich werde dort also vom Ziegenmord verschont bleiben...

Eine andere interessante animalische Spezies, die hier die Strassen bevoelkert ist der Grossstadthund, eine nicht deutlich einer Rasse zuzuordnende Mischung, sozusagen der typische Strassenkoeter ohne Herrchen. Ein vorteilhaftes Geschoepf, weil es die Ratten dezimiert, nachteilhaft aber bei Nacht. Im gemeinen Indischen Strassenkoeter schlummert naemlich, tagsueber verborgen, ein Tyrann! Waehrend man ihn tagsueber ueblicherweise schlafend am Strassenrand auffindet und sich fragt, ob diese Tiere ueberhaupt leben und nicht nur tot herumliegen und es einfach keine kuemmert, beherrscht er des Nachts die Strassen. Der schlaue Rikshafahrer weiss, dass wenn Nachts eine Meute Hunde auf der Strasse steht, er in so mancher Situation besser einen Kreis um sie macht, als sie wegzuhupen zu versuchen. Und so ist die Nacht von Hundejaulen und -fiepen erfuellt und den Geraeuschen zufolge sterben eine Menge Hunde in dieser Zeit durch Kaempfe mit rivalisierenden Banden. Morgen humpelt so manch ein Tier mit unschoenen Wunden am Strassenrand entlang, bevor es sich dann wieder schlafen legt, um sich fuer die naechste Nacht zu erholen.

Jetzt aber noch ein kleiner Nachweihnachtsbericht, kurz gefasst, fuer den ungeduldigen Leser. Mein Weihnachten war ungewohnt: sommerliche Temperaturen, keine Familie und nichts zu sehen auf den Strassen, was auf ein Fest hinweisen koennte (ausser den paar geschmueckten Ziegen), kurz gesagt: keine Weihnachtsstimmung. Advent und Nikolaus sind hier uebrigens voellig unbekannt. Ich war auf einem netten gemeinsamen Weihnachtsdinner mit anderen Praktikanten und danach gabs in meiner Wohnung eine fette Party. So richtig typisch heimelig und entspannend war es also nicht, aber trotzdem feierlich und eine nette Abwechslung zum sonstigen Alltag.




Unsere Weihnachtsdinner-Gesellschaft



Unser Weihachtsmann und Geschenkeverteiler Sunil




Party in meiner Bude



Prashant und Adi, zwei coole Mumbai-AIESECer

Am 25. habe ich einen kleinen Ausflug zur World Press Photo Ausstellung gemacht (siehe: neuer Link auf der rechten Seite) und wurde zu meiner Ueberraschung von mindestens 10 anderen Praktis begleitet. Wie erwartet war die Ausstellung lohnenswert, obwohl tendenziell natuerlich eher runterzieherisch. Seht selbst unter dem erwaehnten Link.



Auf dem Weg zur Ausstellung... und das naechste auch noch mal...



So und jetzt wuensche ich Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr, bevor ich nach hause abzische und meine sieben Sachen fuer Goa packe. Am 3. Januar bin ich wieder zurueck und irgendwann die Tage, werde ich dann mal wieder von mir hoeren lassen. Bis dahin geniesst den Dezember und die anschliessenden (wunderschoenen) Fotos der Strassen um meine Wohnkomplex herum... Cheeeeeeeeers!



Keine Kommentare: