Leute, die Internetverbindung war in den letzten Wochen dermassen miserabel, dass ich den folgenden Eintrag leider erst jetzt, sehr verspätet, veröffentlichen kann. Das hat mir auch ein wenig die Lust verdorben, ständig zu schreiben, aber seid gewarnt: das kommt schon wieder ;D Im folgenden also ein Eintrag, den ich vor einer Woche geschrieben habe...
Nun gut, ich ergebe mich! Da ich mich der Anfragen, wann mein nächster Blogeintrag endlich kommt, kaum noch erwehren kann, bin ich Euch und mir wohl mal wieder einen Bericht schuldig. Und damit es nicht ganz staubtrocken wird, werde ich meinen heutigen Eintrag ein wenig mit verschiedenen Fotos würzen, so dass sich eine spannende Mischung, sozusagen ein tolles Masala. ergibt. Alright? Let's go...
Meine letzten Wochen waren mit Arbeit vollgestopft. Meine echt coole Chefin ist gerade für zwei Wochen in ärztlicher Behandlung und hat mir für diese Zeit ihren Job als Projektleiter übertragen. Das ist zwar eine Menge Arbeit, aber auch eine Möglichkeit mich für die Zeit nach diesem Projekt zu empfehlen und natürlich eine spannende Erfahrung. Und: natürlich bin Ich natürlich stolz wie Bolle über diese temporäre Beförderung.
Klar, ich arbeite nicht nur, etwas Freizeit bleibt mir schon, aber die ist schnell um. Wenn ich Abends nach hause komme, spiele ich mit ein paar netten Indern aus dem Hotel Tischtennis oder ziehe ein paar Bahnen im Pool. Ich habe mich an den Alltag hier schon gewöhnt und was für mich mittlerweile am Interessantesten ist, ist der Kontakt zu Menschen. So verbringe ich recht viel Zeit damit in der Hotellobby zu sitzen und mich mit Nitesh, einem unheimlich sympathischen Delhier zu unterhalten, oder in meinem Hotelzimmer, um mit Mridul, meinem Zimmerkollegen, über Gott und die Welt zu diskutieren. Ich will nicht meine ganze Freizeit nur mit den anderen Praktikanten verbringen, weil ich tierisch neugierig auf die Kultur hier und die Meinungen und Ansichten der Inder hier bin. Und letztendlich ist es auch die Nähe zu und das Verständnis für Leute wie Nitesh oder Mridul, die mir hier erst so richtig das Gefühl geben, nicht falsch am Platz zu sein.
Auf diesem Weg tauche ich nun richtig in dieses Land ein und finde immer mehr Wertschätzung, Respekt und teilweise sogar Bewunderung für diese Kultur. Was am Anfang am schwersten zu akzeptieren war, ist, dass die Menschen hier in solch einer schmutzigen und heruntergekommenen Umgebung leben. Die erste logische Schlussfolgerung war: es kümmert niemanden und diese Einschätzung führte bei mir teilweise zu einem Gefühl der Überlegenheit. In der Schule lernen wir über Industriestaaten, Entwicklungs- und Schwellenländer und da liegt es nahe, diese Unterscheidung wie ein Siegerpodest zu sehen auf dem wir, die wohlhabenden Europäer, ganz oben stehen. Klar, wenn es um Sauberkeit und Zugang zu Luxusgütern geht, ist das so, aber es sagt keineswegs etwas über die Menschen selber aus.
Wenn man sich draussen auf den Strassen bewegt, dann sieht man Schmutz und Chaos, wenn man aber eine Wohnung oder ein Haus betritt, dann sieht man die andere Seite. Natürlich gibt es hier mehr Probleme mit Ungeziefer und die Häuser haben Risse in den Mauern, aber der Mikrokosmos ist nicht anders als unserer: sauber, geschmückt und angenehm, auf seine indische Art. Das Hauptproblem scheint das System aussen drumherum, ein Staat, der nicht hinterherkommt, sein Volk mit intakten Strassen, sauberem Wasser und einer vertrauenswürdigen Justiz zu versorgen und vor allem, der dem Bevölkerungswachstum nicht Herr wird. Bei der Nutzung von Strassen, müssen die Verkehrswege ständig neu gelegt werden und wenn eine neue Strasse fertig gebaut ist, muss die nächste schon wieder erneuert werden. Wenn ein neues Kraftwerk gebaut ist, ist auch dieses schon ausgelastet. Wenn 1000 neue Brunnen gebaut sind, ist die Wasserknappheit immer noch da.
Man kann dieses Land einfach nicht in den gleichen Relationen wie Deutschland sehen. Es ist zu gross und die gesamte wirtschaftliche und kulturelle Situation ist völlig anders. Alles befindet sich hier im Aufbruch, es herrscht eine Stimmung des Vorankommens und Erfolgs, des Umbruchs und der Hoffnung. Man sieht Fortschritt in der Gleichstellung zwischen Mann und Frau und zwischen Kasten, neue Gesetze, um die Korruption zu bekämpfen und Umweltschutziniativen. Es ist nicht annähernd so, dass die Situation hier so ist, weil alle es in Ordnung finden. An allen Ecken und Enden wird fieberhaft gearbeitet und verbessert. Wenn wir, mit unseren Ansprüchen, in dieses Land gesetzt würden, würden wir es vermutlich nicht besser machen. Die Dinge, die man als Ausländer hier kritisieren mag, sind alle in Arbeit und unter diesen Umständen fällt es mir nicht schwer den Stolz der Inder auf ihr eigenes Land zu verstehen.
Wenn ich an mich in Deutschland denke, dann habe ich das Gefühl, den Lebenstandard bei meiner Geburt sozusagen umsonst geschenkt bekommen zu haben. Hier sind alle im Begriff ihr Leben und das ihrer Kinder täglich zu verbessern und das ist ein völlig anderes Lebensgefühl. Um dieses Gefühl des gemeinsamen Vorankommens kann man die Menschen hier wirklich beneiden. In Deutschland haben viele, viele Menschen Angst, dass es bergab geht und wenige haben das Gefühl, selbst etwas dagegen unternehmen zu können. Vielleicht brauchen wir in Deutschland mehr Visionen, was wir verbessern können, anstatt nur darüber nachzudenken, was wir erhalten müssen. Es ist besser das Vorankommen zu sehen als sich vor dem Abstieg zu fürchten. Aber was brauchen wir noch? Nun, wenn ich die Menschen hier erlebe, dann fallen mir zum Beispiel Themen ein wie die Integration von Minderheiten. Da scheinen mir die Inder fortschrittlicher zu sein. Oder etwa ein freundlicherer Umgang miteinander. Wenn ich an Deutschland denke, dann möchte ich als Ausländer nicht dort wohnen und hier habe ich bisher nie das Gefühl gehabt, dass mir irgendjemand etwas Böses wollte.
Aber nun mal eine Pause von der schwerwiegenden Themen und ein Ausflug in die lustigen Anekdoten des Alltags. Da saß ich also kürzlich bei der Arbeit in einem Teammeeting und wir unterhielten uns eine geschlagene Stunde. Die Leute wurden des Zuhörens immer müder und solange wurde allen klar, dass es Zeit wird aufzuhören. Schliesslich kam der Punkt, an dem man gemeinsam die Sitzung mit ein paar netten Schlussworten beendete und die Chefin so etwas sagte wie "Ich denke, wir sind mit unserer Agenda am Ende" und einer vielleicht noch hinzufügte "Ja, super, dann hol ich mir mal nen Kaffee" und dann alle irgendwie beipflichteten. Dann kehrte Ruhe ein und ein Gefühl der Entspannung und in genau jenem schönen Moment, in dem man realisiert, dass man seine Aufmerksamkeit nun wieder anderen Dingen widmen kann, genau in diesem Moment entfuhr einem meiner Kollegen ein herzhafter Rülpser, inmitten der gerade eingekehrten Stille, und die Selbstverständlichkeit und die erleichterte Befriedigung, die aus seinem Gesicht sprachen zwangen mich zum Lachen, einem Lachen, dass ich mir der Höflichkeit halber zu verkneifen versuchte, was mir aber nicht gelang, so dass ich ungewollt derart ins Lachen verfiel, dass mir die Tränen kamen. Zuguterletzt lachten wir alle gemeinsam ganz herzlich, obwohl, glaube ich, nur die Hälfte von uns die Ursache verstanden hatte. Lachen ist eben ansteckend und Rülpsen nicht ganz so verpönt wie in Deutschland.
Ich sitze übrigens gerade im Hotelzimmer, es ist nachmittags und ich bin nicht bei der Arbeit. Warum? Tja ja, auch ich bin nicht unkaputtbar und irgendwann musste ich mir ja mal ne Krankheit hier einhandeln. Ehrlich gesagt hatte ich sogar von der ersten Woche an eine, nämlich eine Entzündung in der Achselhöhle, die ich die ganze Zeit über trotz aller möglichen Versuche nicht los wurde. Also ging ich letzte Woche zum Arzt und der sagte mir, dass es eine Pilzinfektion sei und verschrieb mir 4 verschiedene Pillen. Die haben zwar endlich die Infektion besiegt, aber mittlerweile auch alle nützlichen Darmbazillen, so dass ich jetzt mit Magen-Darm-Problemen eine Auszeit von der Arbeit nehmen muss. Da ich die Medikamente jetzt noch nicht absetzen kann, nehme ich nun zusätzlich noch dosierte Bazillen zu mir, so dass meine Verdauung sich wieder normalisiert. Klingt jetzt eklig, ist aber zum Glück nicht so sehr, denn ausser leichten Bauchschmerzen und ständigen Klobesuchen, geht es noch einigermassen, also keine Übelkeit. Gott sei Dank, denn Übelkeit kann ich gar nicht ab. Na ja, jetzt hoffe ich, dass die Chemieüberflutung es nicht schon wieder schlimmer macht. Kurz gesagt: die schlimmsten Beschwerden haben mir hier bisher die Medikamente eingehandelt. Ironie des Lebens.
Apropos Krankheit. Es ist schon toll, wie sich hier alle um mich kümmern. Alle meine Kollegen und die AIESECer wollen mir ihre Hausweisheiten aufaschwatzen und mittlerweile habe ich schon eine gute Menge interessanter doch teilweise widersprüchlicher Empfehlungen und Tipps. Das geht von "Trink ganz viel Milch", über "Tröpfel Limettensaft in Milch, und trinke dann die klare Flüssigkeit der Milch, die sich dadurch absetzt" bis zu "Trinke bloss keine Milch". Und dann habe ich noch eine Kollegin, die zertifizierte Prana-Heilerin ist, eine für uns Mitteleuropäer leicht esoterisch anmutende Heilkunst (Pranayana), die auch die Existenz von Auren annimmt und viel mit dem Zusammenspiel von Auren und Energien zu tun hat. Na ja, so ganz vertraue ich dem noch nicht (vor allem, weil fast alle meine Lieblingsnahrungsmittel laut dieser Heilkunst sogenannte negative Energieträger sind, die man nur sparsam zu sich nehmen sollte, sowas wie Milch, Fleisch, Vollkorn), aber ich versuche mir immer Stück für Stück etwas mehr erzählen zu lassen. Vielleicht werde ich ja, wenn ich in Deutschland zurück bin, Eure Auren auf Vordermann bringen. Wer weiß? Erstmal muss ich jetzt aber meine eigene wieder hinkriegen.
Falls hier noch keine Bilder zu sehen sind, dann liegt das an der schlechten Verbindung. Meine Bilder stapeln sich hier schon und ich hoffe, dass ich Euch bald an ihnen teilhaben lassen kann.
03 Dezember 2006
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